Die Fünf Punkte des Calvinismus

Völlige Verderbtheit

von Prof. Herman C. Hanko

Die Lehre von der völligen Verderbtheit, mit der sich dieses Kapitel befaßt, ist einer der »Fünf Punkte des Calvinismus«. Es ist daher nicht fehl am Platz, kurz die Geschichte dieser Fünf Punkte zu behandeln.

Historisch ist ihre Ursache in der arminianischen Kontroverse des 16. und 17. Jahrhunderts zu suchen. Zu jener Zeit begann ein Mann namens Jacobus Arminius, in den reformierten Kirchen der Niederlande Lehren zu verbreiten, die im Widerspruch zum reformierten Glauben und zur Heiligen Schrift standen. Anfang des 17. Jahrhunderts – 1610, um genau zu sein – verfaßten seine Anhänger, die als die »Remonstranten« bekannt waren, fünf Lehrsätze, in denen sie ihre Ansichten darlegten. Diese legten sie den reformierten Kirchen der Niederlande zur Einsichtnahme vor, in der Hoffnung, daß sie angenommen und gebilligt würden.

Erst im Herbst des Jahres 1618 wurde eine Allgemeine Synode der reformierten Kirchen einberufen, welche die Lehren der Arminianer prüfen sollte. Auf dieser Synode waren nicht nur Delegierte der reformierten Kirchen der Niederlande anwesend, sondern Abgesandte aller reformierten Kirchen Europas. Nach sorgfältiger Abwägung wurden die fünf von den Arminianern vorgelegten Lehrstücke für der Heiligen Schrift widersprechend befunden und verworfen. Und als Antwort auf diese Lehren stellten unsere Väter auf der Großen Synode von Dordrecht fünf Lehrstücke auf, die sie für die bibel- und bekenntnistreue Antwort auf die Standpunkte der Arminianer ansahen. Diese Doktrinen sind in den Dordrechter Lehrsätzen zusammengefaßt und als die Fünf Punkte des Calvinismus bekanntgeworden.

Die Tatsache aber, daß diese Doktrinen die Fünf Punkte des Calvinismus genannt werden, beweist, daß unsere Väter in Dordrecht nicht sich selbst für die Urheber hielten. Sie hatten auf der Synode keinerlei Forderungen erhoben, eine neue Lehre aufzustellen. Sie vertraten konsequent den Standpunkt, daß die Arminianer Lehren dargelegt hätten, die dem historischen Glauben widersprechen. Und als Antwort auf die Arminianer wiederholten sie einfach das, was seit der calvinischen Reformation der Standpunkt der reformierten Kirchen gewesen war.

In Wirklichkeit wußten unsere Väter in Dordrecht genau, daß die in den Lehrsätzen dargelegte Wahrheit nicht nur bis zur calvinischen Reformation zurückverfolgt werden konnte, sondern bis zur Theologie Augustins, der fast ein Jahrtausend vor der Zeit lebte, da Calvin in Genf wirkte. Denn es war Augustin, der diese Wahrheit ursprünglich definiert hatte. Calvin selbst huldigte dem Werk Augustins immer wieder und wies darauf hin, daß das, was er sagte, zuvor bereits vom Bischof von Hippo gesagt worden sei. Die Synode von Dordrecht war sich dessen bewußt.

Das ist beachtenswert, weil wir verstehen sollten, daß die Wahrheit von der völligen Verderbtheit, um die es in diesem Vortrag geht, keine neue Lehre ist. Sie hat eine lange und ruhmreiche Geschichte. Sie ist seit dem 5. Jahrhundert nach Christus Bekenntnis der Kirche. Die Väter in Dordrecht merkten dies, nachdem sie diese Wahrheit formuliert hatten, im Schlußwort der Lehrsätze an, wo diese Aussage erscheint:

»Diese Lehre hält die Synode für aus dem Worte Gottes entnommen und mit den Bekenntnissen der reformierten Kirchen übereinstimmend.«

Nun heißt alles das, daß die Wahrheit von der völligen Verderbtheit, die seit langer Zeit in der Kirche Jesu Christi bekannt wird, gerade deshalb Teil des Bekenntnisses der Kirche ist, weil die Kirche immer geglaubt hat, daß diese Wahrheit sich auf das Wort Gottes gründet. Das muß besonders betont werden. Es geschieht so oft, daß jene, die ernste Bedenken gegen die Wahrheit von der völligen Verderbtheit haben, ihre Bedenken nicht auf der Grundlage des Wortes Gottes, sondern ihrer eigenen Beobachtungen äußern. Sie sehen sich unter ihren Mitmenschen um und beobachten, daß die Menschen abseits der Macht der souveränen Gnade scheinbar sehr viel Gutes vollbringen. Und auf der Grundlage dieser Beobachtungen ziehen sie gewisse Schlüsse, die in Wirklichkeit die Wahrheit von der völligen Verderbtheit leugnen.

Doch das ist falsch. Es muß betont werden, daß diese Wahrheit nicht auf der Grundlage unserer eigenen, persönlichen Beobachtungen formuliert werden darf. Vielmehr muß sie so dargelegt werden, wie die Heilige Schrift sie darlegt. Mit anderen Worten: Wir müssen uns vor der souveränen, unfehlbaren Autorität der Heiligen Schrift beugen. Wir müssen dem Urteil Gottes gehorchen, das er den Menschen und uns verkündet. Wir müssen auf das hören, was Gott uns über unsere Verderbtheit zu sagen hat. Und nur, wenn wir auf das hören, was Gott sagt, werden wir die Wahrheit betreffend die Menschheit im allgemeinen und uns im besonderen erkennen.

Bei unserer Betrachtung der völligen Verderbtheit müssen wir drei Themen berücksichtigen:

  1. Was ist Verderbtheit?
  2. Was ist mit völliger Verderbtheit gemeint?
  3. Worin liegt die Bedeutung dieser Lehre?

Was ist Verderbtheit?

Bevor wir auf die Frage eingehen, was mit Verderbtheit gemeint ist und wie dies in der Heiligen Schrift dargelegt ist, ist es wichtig, kurz die Geschichte dieser Lehre von der Zeit Augustins bis zur Synode von Dordrecht zu betrachten. Diese Geschichte hält vielleicht einige Überraschungen für uns bereit.

Der Anlaß dafür, daß Augustin die Wahrheit von der völligen Verderbtheit formulierte, waren die Lehren eines gewissen Pelagius, der im frühen 5. Jahrhundert in Rom auftrat. Dieser begann, Ansichten zu lehren, die gänzlich im Widerspruch zur Heiligen Schrift standen. Er lehrte, daß jedes Kind, das in die Welt hineingeboren werde, gut und ohne jede Sünde sei. In der Tat bestand er darauf, daß jedes Kind so gut sei, wie Adam es war, als er aus der Hand seines Schöpfers hervorgegangen war und bevor er vom verbotenen Baum aß. Wenn man Pelagius gefragt hätte: »Welche Erklärung gibt es dann dafür, daß es in der Welt Sünde gibt?«, hätte er geantwortet: »Das hängt von der Wahl ab, die der Mensch zu treffen fähig ist: entweder für das Gute oder für das Böse.« Die menschliche Natur, sagte Pelagius, sei dem Guten zugeneigt. Tatsächlich hätte es in der Geschichte der Welt Menschen gegeben, die während ihres ganzen Lebens niemals gesündigt hätten. Einige Menschen aber sündigten. Und sie sündigten, weil sie von ihren Mitmenschen schlechte Angewohnheiten übernähmen. Nach Ansicht des Pelagius ist die Sünde also eine Angewohnheit. Und wie es für jede Angewohnheit gilt, so werde, je mehr sich eine bestimmte Sünde einpräge, die Gewohnheit um so stärker. Je mehr sich ein Mensch einer bestimmten Sünde schuldig mache, desto tiefer wurzele diese Gewohnheit in seiner Natur. Trotzdem bleibe die Sünde stets nichts weiter als eine Angewohnheit. Und insofern als eine Sünde nur eine Angewohnheit ist, bestehe die Lösung des Problems der Sünde darin, diese Angewohnheit aufzugeben. Weiter nichts. Erlösung, so behauptete Pelagius, sei nicht nötig. Gnade sei nicht nötig, viel weniger noch souveräne Gnade. Alles was der Mensch brauche, wenn er die Angewohnheit zu sündigen aufgeben wolle, sei ein fester Entschluß. Kraft seines eigenen Willens werde es ihm bald gelingen.

Augustin erhob einen langen und lauten Protest gegen diese unbiblischen Ansichten. Augustin wußte es besser. Er wußte es einerseits besser, weil er in seinem eigenen Leben etwas ganz anderes erfahren hatte. In jungen Jahren war Augustin ein übler, sogar unsittlicher Mensch gewesen. Er hatte viele schwere Sünden begangen. Er hatte aus eigener Erfahrung gelernt, daß Sünde mehr ist als bloße Angewohnheit. Sie war eine bösartige, zerstörerische und mächtige Kraft, die der menschlichen Natur innewohnt. Und er hatte auch gelernt – durch die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, die er nie aufhörte zu preisen –, daß die einzige Möglichkeit der Erlösung von der Sünde in der Kraft der souveränen Gnade besteht.

Und so fand er andererseits diese Wahrheit in der Heiligen Schrift dargelegt. Er erklärte, daß Adam zwar von Gott in einem Stand vollkommener Gerechtigkeit erschaffen worden war, daß aber der Sündenfall solche Folgen für Adam und seine Nachkommenschaft hatte, daß der Mensch völlig unfähig geworden ist, irgend etwas Gutes, welcher Art auch immer, zu tun. Augustin war in diesem Punkt so hartnäckig, daß er auch die scheinbar guten Taten der Heiden, z. B. heidnischer Philosophen wie Sokrates, Plato und Cicero, in seine Verurteilung einschloß. Er machte geltend, daß diese Taten in keinem Sinn des Wortes gut seien, daß sie eine Entartung und Verderbtheit des Guten seien, daß die einzige Kraft, Gutes zu tun, in der Macht der souveränen Gnade zu finden sei.

Nun setzten sich die Ansichten Augustins in der Kirche seiner Zeit nicht durch, außer bei einigen wenigen. Im Gegenteil erwuchs in der Kirche eine Ansicht, die als »Semipelagianismus« bekanntwurde. Die Männer, die diese Ansicht vertraten, wollten nicht bis zum lächerlichen und absurden Extrem des Pelagius gehen. Aber gleichzeitig wollten sie sich auch nicht dem System Augustins anschließen. Sie strebten einen Kompromiß an. Und wie es für alle Kompromisse gilt, erfanden sie auch hier nur eine neue Ketzerei. Sie lehrten, es sei wahr, daß ein neugeborener Mensch nicht gut sei. Er stehe nicht im selben Stand wie Adam im Paradies vor seinem Fall. Doch während sie daran festhielten, behaupteten sie auch, daß der Mensch nicht völlig verderbt sei. Sie sagten, er sei krank. Und da seine Krankheit in der Tat eine tödliche Krankheit sei, so würde sie, wenn man sie nicht heile, sehr bald zum Tode führen. Trotzdem sei der Mensch während dieser Zeit der Krankheit in der Lage, sehr viel Gutes zu vollbringen. Insbesondere sei er aus eigenem Willen fähig, den Großen Heiler zu Hilfe zu rufen, damit dieser ihn mit dem Balsam der heilenden Gnade von dieser tödlichen Krankheit erlöse. Gott seinerseits, sagten die Semipelagianer, habe Erlösung für alle Menschen vorgesehen. Tatsächlich gehe Gott sogar noch einen Schritt weiter und biete diesen Balsam allen Menschen an, daß sie ihn annähmen oder verwürfen. Aber weiter als hier, behaupteten die Semipelagianer, gehe Gott nicht. Der heilende Balsam würde letztendlich dem Menschen nur dann verabreicht, um ihn von seinem Leiden zu heilen, wenn der Mensch selbst es wolle. Die ganze Angelegenheit seiner Heilung, seiner Erlösung, richte sich deshalb nach seinem eigenen Willen.

Wenn Ihnen dieser Standpunkt der Semipelagianer bekannt und charakteristisch für viele Predigten unserer Zeit vorkommt, dann seien Sie versichert, daß es sich in Wirklichkeit um eine sehr alte Ketzerei handelt.

Das ganze System des Semipelagianismus wurde die Grundlage für die römisch-katholische Lehre von der Gerechtigkeit aus Werken. Das ganze eindrucksvolle Gefüge der römischen Werkgerechtigkeit basiert unerschütterlich auf dieser Modifizierung des Pelagianismus.

Erst in der Zeit der protestantischen Reformation wurde die von Augustin dargelegte Wahrheit aufs neue öffentlich als Wahrheit in der Kirche proklamiert. Martin Luther machte den Anfang. Die römisch-katholische Werkgerechtigkeit bestreitend, erkannte er, daß das ganze System des Semipelagianismus eingerissen und das stabile Fundament der völligen Verderbtheit aufs neue gelegt werden müsse. Und er betonte, daß diese Verderbtheit so total ist, daß selbst der menschliche Wille gänzlich Sklave der Sünde ist. Er schrieb darüber ein Buch. Es ist noch heute erhältlich. Sein Titel: »Vom unfreien Willen«.

Aber es war Johannes Calvin, der diese Wahrheit im Zusammenhang mit der ganzen Wahrheit des Wortes Gottes darlegte und sie so formulierte, wie es dann zur Zeit der Synode von Dordrecht zum Ausdruck kam. Es ist nicht nötig, näher auf die Lehre Calvins einzugehen. Jeder, der mit den Schriften Calvins vertraut ist, insbesondere mit seiner »Institutio«, weiß, daß er die Wahrheit von der völligen Verderbtheit auf fast jeder Seite lehrt oder voraussetzt. Ein Zitat wird für unsere Zwecke genügen. Darin zeigt er sein Vertrauen auf Augustin. In der Erörterung von Augustins Gebrauch des Wortes »Begierde« schreibt er:

»Denn unsere Natur ist nicht etwa bloß des Guten arm und leer, sondern sie ist fruchtbar und ertragreich im Bösen, so daß sie nie müßig sein kann! Einige haben gesagt, die Erbsünde sei die ›Begehrlichkeit‹ (concupiscentia). Das ist an sich kein sachfremdes Wort; nur muß man – was aber von den meisten nicht im mindesten zugegeben wird – noch hinzufügen, es sei eben der ganze Mensch (quicquid in homine est), Verstand und Wille, Seele und Fleisch, von dieser Begehrlichkeit befleckt und erfüllt oder kurzum, der ganze Mensch sei von sich aus nichts anderes als Begehrlichkeit.« (Institutio, Band I, Buch II, Kap. 1, Abs. 8)

Es war diese Wahrheit, die Calvin so scharfsinnig darlegte, als er Augustin seine Hochachtung bezeigte. Es war diese Wahrheit, die unsere Väter auf der Dordrechter Synode formulierten.

Was ist nun mit Verderbtheit gemeint? Was meinten unsere Väter? Was lehrt die Heilige Schrift?

Erstens hat Verderbtheit natürlich mit Sünde zu tun. Das scheint offensichtlich zu sein, dennoch werden wir nur in dem Maße fähig sein, die Wahrheit von der völligen Verderbtheit aufrechtzuerhalten, wie wir die Wirklichkeit und den wahren Charakter der Sünde betonen.

In der Vergangenheit und auch heute sind diejenigen, welche die Wahrheit von der völligen Verderbtheit leugnen, auch jene, die die harte Wirklichkeit der Sünde verharmlosen. Das ist beispielsweise der Grund, warum Sünde heutzutage nicht mehr ernstgenommen wird. Pelagius hielt sie nur für eine Angewohnheit. Die Semipelagianer hielten sie nur für eine Krankheit. Auch heute wird sie, gelinde gesagt, achselzuckend abgetan. Der Schrecken der Sünde, wie er in der Heiligen Schrift gezeichnet wird, wird geleugnet. Das Extrem in der kirchlichen Welt bilden die liberalen Theologen, die lehren, daß Sünde nur ein soziales Leiden oder Schwachsinnigkeit sei. Die Heilung von der Sünde sei in Resozialisierung, im Gutestun, in Gesellschaftsreformen, in Besserung des äußerlichen Charakters zu finden. Dies seien die Heilmittel gegen die Sünde, weil die Sünde nur ein Überbleibsel unserer Abstammung von den Tieren sei, das wir während unseres Aufstiegs im Laufe der Evolution behalten hätten.

Aber in dem Maße, wie die Sünde nur für eine Angewohnheit oder Krankheit gehalten wird, wird auch ihr schrecklicher Charakter geleugnet, und die Aufrechterhaltung der Wahrheit von der völligen Verderbtheit erweist sich als unmöglich.

Die Heilige Schrift hat eine gänzlich andere Meinung von der Sünde. Die Heilige Schrift lehrt ausdrücklich, daß Sünde immer gegen Gott begangen wird. Das ist das Entscheidende. Gott ist der heilige, souveräne Herr des Himmels und der Erde. Er ist absolut vollkommen. Seine Heiligkeit ist so groß und die Herrlichkeit seiner strahlenden Vollkommenheit so glänzend, daß vor ihm die Engel ihr Angesicht decken und den ganzen Tag lang singen: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr, Gott der Allmächtige«1. Er ist es, gegen den alle Sünden begangen werden. Das darf man nie vergessen. Die Sünde ist ein Widerspruch gegen seine Heiligkeit. Sie ist Aufstand gegen ihn, den Herrn des Himmels und der Erde. Jede Sünde, gleich wie gering, gleich wie unscheinbar, wird immer gegen Gott begangen. Gott schuf den Menschen und setzte ihn ins Paradies. Und der einzige Zweck der Erschaffung des Menschen durch Gott bestand darin, daß der Mensch, die Krone von Gottes Schöpfung, seinen Schöpfer verherrliche. Es gab keine andere Absicht, mit der Gott den Menschen ins Paradies setzte, als diese eine. Mit seinem ganzen Leben, mit allem, was er war, mit allen Geschöpfen, über die er gestellt war, hatte er keine andere Berufung, als die Ehre und den Ruhm Gottes zu verkünden, der allein aller Ehre und alles Ruhmes wert ist.

Adams Sünde, von dem verbotenen Baum zu essen, war deshalb eine Sünde, die er gegen Gott beging. Es war die Sünde des Ungehorsams gegen den ausdrücklichen Befehl Gottes. Und insofern, als es eine Sünde des Ungehorsams gegen Gott war, war es ein absichtlicher, bewußter, willentlicher Entschluß, nicht länger den Zweck zu erfüllen, für den Adam erschaffen worden war. Er wollte nichts mehr mit Gott und seiner Herrlichkeit zu tun haben. Er wollte sein Los mit dem Satan teilen, der ihn verleitet hatte. Er wollte den Satan vertreten, wollte den Satan in seinem schändlichen Plan unterstützen, diese Welt ihrem Schöpfer zu rauben. Mit dieser einen Tat des Ungehorsams kehrte er dem Gott des Himmels und der Erde absichtlich den Rücken zu. Das machte seine Sünde so entsetzlich. Sie wurde gegen Gott begangen.

Bis auf den heutigen Tag, in der ganzen Geschichte dieser erbärmlichen Welt, hat es nie eine andersgeartete Sünde gegeben. Das müssen wir verstehen. Es genügt nicht, von der Sünde nur im Sinne von gesellschaftlichen Beziehungen oder Verhaltensstörungen zu sprechen. Sünde richtet sich gegen den Gott des Himmels und der Erde. Das ist der Grund, warum die Strafe für die Sünde so schwer ist.

Die Strafe war also, daß Gott Adam tötete. Sie werden verstehen, warum dies nötig war. Gott hatte Adam geformt, damit Adam in der Welt die Sache Gottes vertrete, damit er seinen Schöpfer verherrliche. Er hatte keinen anderen Daseinszweck als diesen. Aber er verweigerte sich. Er wollte den Teufel verherrlichen. Das war Adams Wunsch. Und aus diesem Grund gab es in Gottes Welt keinen Platz mehr für ihn. Also tötete Gott Adam: »An dem Tag, da du davon ißt, mußt du sterben!«2

Was heißt es nun, daß Gott Adam tötete? Er fiel nicht tot zu Füßen des Baumes um, wie wir wissen. In erster Linie heißt es, daß Gott über Adam die Glut seines Zorns und Hasses ausschüttete. Gott haßte Adam. Es konnte gar nicht anders sein, wollte Gott seine eigene Heiligkeit erhalten – wie er es immer tut und auch tun muß um seines Namens willen. Er konnte nicht länger jemanden lieben, der gesündigt hatte und nicht heilig wie er selbst war. Sie verstehen, daß wir jetzt nicht von Christus reden. Wir wissen, daß Adam in Christus gerettet worden ist. Aber soweit es den Tod betrifft, der über Adam hereinbrach, schüttete Gott seinen Zorn über Adam aus. Es lag im Wesen Gottes, so zu handeln. Adam war von Gott entfremdet. So wie er aus dem Garten Eden vertrieben wurde, wurde er auch von Gottes Angesicht vertrieben. War sein Leben einst mit dem Sonnenschein der Gunst Gottes erfüllt, so ballten sich über ihm nun die drohenden Wolken von Gottes Haß. Hatte er einst Frieden und Freude und Glück in der Gemeinschaft mit seinem Schöpfer genossen, so kannte er jetzt nur noch Ruhelosigkeit, Entfremdung, Haß, Sorgen, Kummer, Elend und Tod.

Zum zweiten heißt, daß Gott Adam tötete, daß Gott Adam völlig verderben ließ. Das ist der Tod. Tod und völlige Verderbtheit bedeuten dasselbe. Wie drückt es der Apostel Paulus in Epheser 2, 1 aus? »Auch euch hat er auferweckt, die ihr tot wart in euren Vergehungen und Sünden.« Die Strafe für Adams furchtbares Vergehen war also, daß Gott über Adam die Schrecken der völligen Verderbtheit brachte. Er machte ihn mit seinem ganzen Wesen und seiner ganzen Natur zum Sklaven der Sünde. Das war die Strafe für die Sünde. Wir müssen die Wahrheit von der völligen Verderbtheit von dem Standpunkt aus betrachten, daß sie die Strafe für die Sünde ist. Weil die Sünde so furchtbar ist, verdient sie solch eine furchtbare Strafe. Diese Strafe ist die völlige Verderbtheit der menschlichen Natur. Somit sind alle Menschen völlig verderbt.

Wie ist es möglich, daß alle Menschen völlig verderbt sind? Wir müssen zwei Gründe nennen.

Erstens sind alle Menschen in Adam verantwortlich für die Sünde, die Adam begangen hat. Das ist wahr, weil Adam das Haupt der ganzen Menschheit war. Es ist wahr, auch wenn Christus das Haupt seines auserwählten Volkes ist. Der Apostel Paulus drückt es mit diesen Worten aus: »Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden« (1. Kor. 15, 22). Adam war das Haupt aller Menschen, und somit sind alle Menschen mit Adam für Adams Vergehen verantwortlich.

Zweitens war Adam der Stammvater des ganzen Menschengeschlechts, so daß Adam ein Menschengeschlecht hervorgebracht hat, das genau so verderbt ist, wie er selbst es war. Es war David, der vor langer Zeit in Psalm 51, 7 klagte: »Siehe, in Schuld bin ich geboren, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.«

Und so ist die Verderbtheit über alle Menschen gekommen.

Was ist mit völliger Verderbtheit gemeint?

Diese Verderbtheit, so lehren die Heilige Schrift und unsere Bekenntnisse, ist völlig.

Bevor wir uns einer genaueren Beschreibung dieser Tatsache widmen, muß ich Ihre Aufmerksamkeit auf einige Unterscheidungen lenken, die man gemacht hat und die zunehmend populär werden. Diese Unterscheidungen werden zweifellos in der Absicht getroffen, die Wahrheit von der völligen Verderbtheit zu verharmlosen. Es wird beispielsweise ein Unterschied gemacht zwischen völliger Verderbtheit und absoluter Verderbtheit. Diese Unterscheidung soll deutlich machen, daß der Mensch zwar völlig verderbt, aber nicht absolut verderbt sei. Das folgende Zitat wird klarmachen, wie das gemeint ist. (Es wurde aus »The Banner« übernommen und fand sich in einem Artikel, der die Dordrechter Lehrsätze, insbesondere das dritte und vierte Lehrstück, Artikel 4 erklärt.)

»Das Ergebnis des Falls ist die völlige Verderbtheit. Damit ist gemeint, daß jeder Teil des Menschen verderbt ist. Die Lehrsätze sagen, daß der Mensch sich ›Blindheit, fürchterliche Finsternis, Eitelkeit und Verkehrtheit des Urteils in seinem Verstande, Bosheit, Widersetzlichkeit und Verhärtung in Willen und Herz, Unreinheit endlich in allen seinen Trieben‹ zuzog. Es gab keinen Teil seiner Natur, der nicht von der Sünde erfaßt wurde. Das Wort ›völlig‹ darf nicht im wörtlichen Sinn aufgefaßt werden, als ob der Mensch absolut verderbt wäre. Der Mensch ist nicht so böse, wie er sein könnte. Artikel 4, den wir im Verlauf dieser Reihe noch genauer hoffen betrachten zu können, spricht davon, daß ›nach dem Falle im Menschen etwas natürliches Licht zurückgeblieben‹ ist. Gott bändigt das Wirken der Sünde im Leben des Menschen auf Erden. Und der sündige Mensch hat immer noch einen Sinn für Recht und Unrecht. Seine Verderbtheit ist eine völlige in dem Sinn, daß es keinen Teil seines Wesens gibt, der rein und heilig ist; und das Gute, das er tut, tut er für Gott und Gottes Ehre.«

In diesem Zitat wird ein Unterschied zwischen »völlig verderbt« und »absolut verderbt« gemacht. Völlige Verderbtheit heiße, daß der Mensch in jedem Teil seines Wesens verderbt sei. Doch während er in jedem Teil seines Wesens verderbt sei, seien gleichzeitig in jedem Teil seines Wesens Überreste des Guten verblieben. Absolute Verderbtheit heiße, daß jeder Teil des menschlichen Wesens gänzlich böse sei. Diese Unterscheidung dient also genau dazu, Platz für etwas Gutes zu lassen, das der Mensch vollbringen könne. Und dieses Gute soll insbesondere darin bestehen, daß er mit seinem Willen das ihm dargebotene Evangelium annehme. Das ist genau das, was unsere Lehrsätze unter völliger Verderbtheit nicht verstehen.

Eine andere Unterscheidung, die oft gemacht wird, ist die zwischen dem innerlichen Trieb des Herzens und der äußerlichen Tat. Es gibt einige, die behaupten, daß der Mensch, sofern es seine Natur betrifft, zwar tatsächlich verderbt sei, daß er aber trotzdem, sofern es seine äußerlichen Taten angeht, noch zu beträchtlich viel Gutem imstande sei. Er könne Werke vollbringen, die äußerlich im Einklang mit dem Gesetz Gottes stehen. Er lebe kein völlig ehebrecherisches Leben. Er gehe nicht umher und erschieße seine Mitmenschen und jeden, den er auf der Straße trifft. Er sei fähig, sein Leben und Verhalten äußerlich in Einklang mit dem Gesetz Gottes zu bringen und viel Gutes zu vollbringen, selbst wenn er innerlich verderbt ist.

Auch das ist etwas, was unsere Väter nicht meinten. Sie sprachen von völliger Verderbtheit. Und sie urteilten in der Tat, daß der Mensch so böse ist, wie er nur sein kann. Und das ist es, was die Heilige Schrift lehrt.

Ein weiterer Unterschied wird zwischen dem sogenannten geistigen Guten und dem natürlichen Guten gemacht. Auch das obige Zitat unterstellt diesen Unterschied. Mit dem geistigen Guten meint man das Gute, das eine mögliche Grundlage für die Erlösung sei. Es sei ein vorläufiger Schritt in Richtung Himmel. Damit wird gesagt, daß der Mensch zwar in der Tat unfähig zu solch geistigem Gutem, aber doch eindeutig fähig zum natürlichen Guten sei. Mit dem natürlichen Guten ist so etwas wie äußerliche Tugend gemeint, die äußerlich in Einklang mit dem Gesetz Gottes steht. Jene, die das behaupten, werden auf die Welt verweisen, in der wir leben und wo diese natürliche Tugend zu finden sei.

Alle diese Unterscheidungen beabsichtigen, eine wie die andere, die harte Lehre von der völligen Verderbtheit abzuschwächen.

Als Calvin und später die Väter in Dordrecht darauf bestanden, daß die Verderbtheit völlig sei, waren sie sich der Bedeutung der Worte durchaus bewußt. Und sie wußten, daß »völlig« genau dies meint. Sie wollten mit dem Ausdruck »völlige Verderbtheit« das beschreiben, was die Heilige Schrift »Tod« nennt. Der Sünder ist tot, geistig tot. Er kommt aus dem Mutterleib als geistige Totgeburt zur Welt. Er ist nicht krank. Er ist von keinem Übel und keiner Krankheit befallen – ganz gleich, ob tödlich oder nicht. Er ist tot. Und dies ist die ausdrückliche Lehre der Heiligen Schrift. Die Heilige Schrift stellt klar, daß der Sünder tot ist.

Was heißt das?

Das heißt, daß die menschliche Natur so gänzlich von der Sünde verderbt ist, daß sie unfähig ist, irgend etwas Gutes hervorzubringen. Es gibt nichts, was der Sünder tun könnte, was Gott gefällig wäre. Sein Herz ist tot. Sagt nicht Salomo: »In ihm [dem Herzen] entspringt die Quelle des Lebens« (Spr. 4, 23)? Doch das Herz, die Quelle alles menschlichen Lebens, ist tot. Der menschliche Geist ist tot. Er ist so von der Sünde verdunkelt, daß der Mensch mit seinem Geist nichts geistig Gutes erkennen kann. Natürlich kann er formell die Wahrheit verstehen. Wenn ein Böser die Heilige Schrift liest, kann er verstehen, was die Worte bedeuten. Er kann die Gedanken hinter diesen Worten verstehen. Darum geht es nicht. Doch sein Geist ist so gänzlich verdunkelt, daß er die Wahrheit über Gott jedesmal, wenn er sie erblickt, haßt und sich ihr widersetzt. Er lehnt sich gegen ihre klare Lehre auf. Er stößt sie von sich. Das ist so wahr, daß Jesus zu Nikodemus spricht: »Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen« (Joh. 3, 3). Der menschliche Geist ist mit solcher Finsternis der Lüge erfüllt, daß in ihm kein Platz mehr für die Wahrheit ist.

Dasselbe gilt für den menschlichen Willen. Unfreier Willen: das beschreibt den Zustand des Menschen genau. Sein Wille ist geknechtet – von der Sünde geknechtet. Der Mensch kann das Gute nicht einmal wollen. Der Sünder will das Gute nicht und kann es auch nicht wollen. Das ist seine Natur. Er ist tot. Kann ein Toter denken? Kann ein Toter wollen? Kann ein Toter vom Leben zeugen? Der geistig tote Mensch ist unfähig zu irgend etwas geistig Gutem.

Das ist es, was unsere Dordrechter Lehrsätze im 3. und 4. Lehrstück, Artikel 1 zum Ausdruck bringen:

»Der Mensch ist ursprünglich nach dem Bilde Gottes geschaffen, in seinem Verstande mit der wahren und heilbringenden Kenntnis seines Schöpfers und der geistlichen Dinge, mit Gerechtigkeit in Willen und Herz und mit Reinheit in allen seinen Trieben geschmückt, und war so völlig heilig; allein auf Antrieb des Teufels und nach seinem freien Willen sich von Gott abwendend, beraubte er sich selbst dieser ausgezeichneten Gaben und zog sich im Gegenteil an ihrer Statt Blindheit, fürchterliche Finsternis, Eitelkeit und Verkehrtheit des Urteils in seinem Verstande, Bosheit, Widersetzlichkeit und Verhärtung in Willen und Herz, Unreinheit endlich in allen seinen Trieben zu.«

Ich kann mir keine schlimmere Beschreibung des Menschen vorstellen als diese. Sie erheben vielleicht Einspruch und sagen: »Ja, aber die Lehrsätze sprechen auch vom Glimmen des natürlichen Lichts.« Das stimmt. Sie sprechen vom Glimmen des natürlichen Lichts, durch das der Mensch einige Kenntnis von Gott, von natürlichen Dingen, vom Unterschied zwischen Recht und Unrecht behält. Es gibt dem Menschen eine gewisse Einsicht in Tugend, Zucht und Ordnung in der Gesellschaft und gutes äußerliches Verhalten.

Hierbei müssen wir uns aber zwei Dinge klarmachen.

Zum einen machte Gott den Menschen, als er den Tod als Strafe für die Sünde über ihn brachte, nicht zum Teufel. Gott machte den Menschen auch nicht zum Tier. Der Mensch blieb Mensch. Das ist es, was unsere Lehrsätze meinen. Der Mensch wurde völlig verderbt, aber er wurde ausdrücklich ein völlig verderbter Mensch. Es wird zuweilen eingewandt, daß der Mensch zu einem Dämonen oder wilden Tier geworden wäre, hätte Gott nicht Überreste des Guten in ihm belassen. Das ist absurd. Der Mensch wäre kein Dämon oder wildes Tier geworden, auch wenn kein Körnchen Gutes mehr in ihm verblieben wäre. Er war als Mensch geschaffen. Als Mensch wurde er von Gott bestraft. Als Mensch wurde er von Gott aus Gottes Welt vertrieben. Als Mensch wurde er von Gott in die Hölle gestoßen. Aber er blieb ein Mensch. Das ist es, was die Lehrsätze meinen.

Zum anderen erklären die Lehrsätze selbst, was dieses Glimmen des natürlichen Lichts ist; und sie zeigen im selben Artikel (III/IV, 4) deutlich, daß sie nicht meinen, der Mensch sei immer noch gut:

»Er ist jedoch so weit davon entfernt, daß er durch dieses natürliche Licht zur heilbringenden Erkenntnis Gottes gelangen und sich zu ihm bekehren könnte, daß er es nicht einmal bei natürlichen und weltlichen Dingen recht gebraucht, ja sogar es, welcher Art es auch sein mag, auf verschiedene Weise völlig verdirbt und in Ungerechtigkeit unterdrückt, so daß er dadurch vor Gott ohne Entschuldigung wird.«

Das ist das traurige Bild, das unsere Lehrsätze vom Menschen zeichnen, wenn sie die Wahrheit von der völligen Verderbtheit verteidigen. Und der Punkt ist, daß man, wenn die menschliche Natur tot ist, nicht erwarten kann, daß aus dieser toten Natur gute Werke hervorgebracht werden. Wie sollte das möglich sein? Kann ein Toter Gutes tun – natürliches Gutes, äußerlich Gutes, Gutes, wie immer man es nennen mag? Kann ein fauler Baum gute Früchte bringen? Kann aus einer schmutzigen und verderbten Quelle frisches Wasser hervorsprudeln? Kann ein Toter Leben hervorbringen? Wenn die menschliche Natur verderbt ist, nicht einfach nur in allen ihren Gliedern, sondern so, daß jedes Glied gänzlich verderbt ist, dann gibt es in jedem Sinn des Wortes überhaupt nichts Gutes, das der Mensch tun kann und das Gott wohlgefällig ist. Er kann nichts Gutes im natürlichen Sinn tun. Er kann nichts Gutes im geistigen Sinn tun. Er kann nichts Gutes im bürgerlichen Sinn tun. Er kann seine Natur nicht mit dem Gesetz Gottes in Einklang bringen. Er kann seine Erlösung nicht wollen. Er ist hoffnungslos in den Fesseln der Sünde gefangen.

Auch unter den Heiden wird man nichts Gutes finden. Es wird heutzutage oft so dargestellt, als ob die Heiden sich ernstlich danach sehnten, von ihren Götzen erlöst zu werden, ernstlich danach schmachteten, den Fesseln des finsteren Heidentums zu entfliehen. Und, so erzählt man uns, sie würden wirklich dem wahren Gott dienen, wenn sie denn nur wüßten, wer er sei. Sie schauten in ungeduldiger Erwartung nach jemandem aus, der ihnen von dem wahren Gott, von Christus, erzählt, denn all ihr Sehnen richte sich auf die wahre Religion. Und so geschehe es dann, wenn das Evangelium gepredigt werde, daß dieses Evangelium ihnen die Worte bringe, nach denen sie sich so lange gesehnt hätten und die sie nun bereitwillig annähmen.

Doch alles das kann niemals sein. Wir dürfen das harte Urteil der Heiligen Schrift nicht abschwächen. Der Mensch ist völlig verderbt. In ihm findet sich nichts Gutes.

Ich nehme an, es gibt einige, die gegen all dies Einspruch erheben und beharren: »Ja, aber wenn ich das Verhalten meiner Mitmenschen beobachte, sehe ich etwas ganz anderes als das, was Sie hier sagen. Ich sehe in der Welt viel Liebe: Liebe zwischen Mann und Frau, Liebe zwischen Eltern und Kindern, Liebe des Menschen für den Menschen. Es gibt viel Mitleid, Nächstenliebe, den Wunsch, sich in der Welt des Bösen gegenseitig zu helfen. Es gibt fabelhafte Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Technologie und Industrie, die unsere Vorstellungskraft übersteigen. In der Medizin werden wunderbare Heilungen vollbracht. Welch mächtige Taten der Mensch vollbringen kann! Welch großer Dinge er fähig ist! Sind sie nicht übertrieben hart? Ist Ihr Urteil nicht ungerecht? Verschließen Sie nicht Ihre Augen vor den offensichtlichen Realitäten, die uns umgeben? Gehen Sie in die Welt hinaus, und Sie werden merken, daß Ihr Urteil über den Menschen zu streng ist!«

Was sollen wir darauf antworten?

Über drei Dinge müssen wir uns im klaren sein.

Erstens müssen wir uns an das erinnern, was bereits in der Einführung gesagt wurde: Wir formulieren die Wahrheit von der völligen Verderbtheit nicht aufgrund von Beobachtungen. Wenn wir solches täten, würden wir scheitern. Wir dürfen dem Urteil des Menschen über den Menschen keine Beachtung schenken. Vielmehr müssen wir auf das Wort Gottes hören – auf Gottes Urteil über den Menschen. Gott kennt das Herz. Wir haben eine Berufung: uns vor dem Wort Gottes zu beugen. Und Gott sagt, daß der Mensch tot ist.

Zweitens müssen wir etwas über diese scheinbar guten Werke sagen.

Dieses Problem tauchte interessanterweise schon zu Zeiten Augustins auf. Es gab einige, die sich aus dem gleichen Grund gegen Augustins Lehre wandten. Aber Augustin antwortete sehr scharfsinnig: Das scheinbar Gute, das Menschen tun, ist das Ergebnis der Tatsache, daß in ihrem Leben eine Art der Begierde die andere verdrängt und unterdrückt. Er gebrauchte das Beispiel eines Menschen, dessen ganzes Leben von der Gier nach Geld bestimmt ist. Ein solcher Mensch ist so sehr davon besessen, materielle Güter in Hülle und Fülle zusammenzuraffen, daß diese Begierde sein Leben beherrscht und völlig ausfüllt. Sie ist die treibende Kraft, die alle anderen Begierden in ihren Bann zieht. In seinem Gewinnstreben meidet er alle anderen Vergnügen. Er will sein Geld nicht mit Völlerei, Trunkenheit und Ausschweifungen vergeuden. Er ißt sparsam und trinkt nur mäßig. Er verschwendet seinen kostbaren Hort von Silber und Gold nicht mit ehebrecherischem Lebenswandel. Solches hält er für dumm, denn er strebt nach Geld um des Geldes willen. Das ist die Erklärung für das scheinbar Gute, das Menschen tun. Eine Begierde unterdrückt die andere. Das war Augustins Antwort. Und so ist es tatsächlich.

Kann man alle diese Dinge, die der Mensch tut, »gut« nennen? Kann man es gutheißen, wenn ein Mensch die Freuden des Ehebruchs meidet, nur um größere Reichtümer an Gold anhäufen zu können? Ist das in den Augen Gottes gut? Natürlich nicht. Dasselbe gilt für die sogenannte offensichtliche Menschenliebe und die vielen barmherzigen Taten. Die treibende Kraft im Leben des Menschen ist seine Gier nach Ehre und Anerkennung. Sünde ist stolz. Und der Mensch versucht immer, in den Augen seiner Mitmenschen erhaben zu erscheinen. In diesem lüsternen, beherrschenden Trieb nach Ehre und Ruhm ist er willens, Wohltätigkeiten auszuteilen. Er ist willens, seine Reichtümer mit seinen Mitmenschen zu teilen, damit diese ihn preisen und damit in seinen Ohren der Beifall derer widerhallt, unter denen er lebt. Ist das gut? Wie könnte es!

Im weiteren Sinn gilt dies für die ganze Geschichte dieser erbärmlichen Welt. Als Gott Adam im Paradies erschuf, setzte er ihn mitten in jene schöne Welt, auf daß Adam seinen Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele und mit seinem ganzen Verstand und seiner ganzen Kraft liebe. Ihm wurde die Welt gegeben, damit er seinen Schöpfer verherrliche. Das war der ganze Sinn seiner Existenz. Doch Adam verweigerte sich und neigte sein Ohr dem Teufel. Er lauschte der Einflüsterung des Teufels: »Du wirst sein wie Gott, erkennend Gutes und Böses.«3 Adam schlug sich auf die Seite des Teufels. Und das war des Teufels Ziel – sein unbeirrtes Ziel, Gott von seinem Thron zu vertreiben und ihm diese Welt zu stehlen. Dies zu erreichen, gewann er die Hilfe des Menschen. Sünde heißt deshalb von diesem Standpunkt aus, daß der Mensch, der an der Seite des Teufels steht, in all seinem Tun zu dem bösen Ziel getrieben wird, diese Welt zum Königreich des Satans zu machen. Dieser Trieb bestimmt alles. Das ist es, was die Sünde ausmacht. Sie ist Haß auf Gott. Sie ist Aufstand gegen den Allerhöchsten. Sie ist der verwegene, unermüdliche Versuch des Menschen, sich dieser Welt, in die er gesetzt wurde, zu bemächtigen und sie sein eigen zu machen, Gott aus seiner Welt zu vertreiben, Christus von seinem Thron zu stürzen und dieses Universum der Sache der Sünde zu unterwerfen. Und um dieses Ziel zu erreichen, ist er willens, alle seine Anstrengungen in diese Richtung zu zwingen. Er ist willens, jedes verfügbare Mittel anzuwenden. Und wenn es der Erreichung seines Ziels dienlich ist, für kurze Zeit bestimmte andere Vergnügen zu meiden, ist er auch dazu bereit. Er weiß, daß Anarchie herrschen würde, wenn keine Regierungen eingesetzt wären, um Gesetze zu erlassen und durchzusetzen. Und Anarchie hindert ihn am Erreichen seines Ziels. Und so macht er nicht nur Gesetze, sondern richtet auch sein Leben danach. Das heißt, er wird dies tun, so lange es nötig ist, um Gott aus seiner Welt zu vertreiben. Sobald er glaubt, der Rache Gottes, der Folge der Sünde, entkommen zu sein, wird er tun, wie ihm beliebt. Er wird sich in seinem Hochmut zurücklehnen und sagen: »Die Welt ist mein. Gott ist verschwunden. Ich kann tun, wie mir beliebt – sündigen, so viel ich will. Es ist nicht länger nötig, die Konsequenzen der Sünde zu tragen. Gott ist von seinem Thron verbannt.« – Alles, was der Mensch tut, all dieses scheinbar Gute, ist also von seiner höchsten Leidenschaft bestimmt. Er mag an den Grenzen des Weltraums stehen. Er mag wunderbare Erfindungen auf dem Gebiet der Wissenschaft machen. Doch all das geschieht, weil er in den verzweifelten Kampf verwickelt ist, diese Welt aus den Händen ihres Schöpfers zu reißen. Er wird nicht ruhen, bis dieses Ziel erreicht ist. Es ist der tiefste Grundsatz seines Lebens. Darum gipfeln alle Sünden der Menschheit letztendlich in dem einen Mann der Sünde, dem Sohn der Hölle: dem Antichrist. Im Antichrist glaubt der Mensch sein Ziel erreicht zu haben.

Wahrlich, der Mensch ist völlig verderbt.

Worin liegt die Bedeutung dieser Lehre?

Unsere Schlußfolgerung besteht aus zwei Teilen.

Erstens ist die Bedeutung dieser Lehre theologischer Art.

Das heißt zweierlei.

Zunächst ist die Wahrheit von der völligen Verderbtheit keine isolierte Lehre. Sie ist eng mit den anderen vier Punkten des Calvinismus verbunden und verflochten. Und weil das so ist, ist diese Lehre auch eng mit der ganzen Wahrheit der Heiligen Schrift verbunden. Aus gutem Grund beginnt unser wunderbarer Heidelberger Katechismus seine ganze Erörterung der Wahrheit damit, daß er die völlige Verderbtheit feststellt:

»Sind wir aber dermaßen verderbt, daß wir ganz und gar untüchtig sind zu einigem Guten und geneigt zu allem Bösen? – Ja, es sei denn, daß wir durch den Geist Gottes wiedergeboren werden.«4

Auf diesem Fundament errichtet der Katechismus das ganze Gebäude der Wahrheit. Die Wahrheit von der völligen Verderbtheit ist Teil der ganzen Wahrheit der Heiligen Schrift. Wenn man diese Wahrheit in irgendeiner Hinsicht leugnet, aufweicht oder abschwächt, wird es unmöglich, irgend etwas von der Wahrheit des Wortes Gottes zu bewahren. Das hat die Geschichte gezeigt. Es liegt in der Natur der Sache. Und so verhält es sich auch mit den Fünf Punkten des Calvinismus. Das Leugnen der völligen Verderbtheit führt zum Leugnen der souveränen Gnade. Dies wiederum zieht ein Leugnen der begrenzten Versöhnung und der bedingungslosen Erwählung nach sich. Und auch die Bewahrung der Heiligen bleibt unweigerlich auf der Strecke. Dies kann in diesem Kapitel nicht in allen Einzelheiten aufgezeigt werden, aber die folgenden Kapiteln werden es hinreichend verständlich machen. Es sollte aber klar sein, daß die Gnade unmöglich souverän sein kann, wenn der Mensch nicht völlig verderbt wäre. In dem Maße, wie der Mensch nicht völlig verderbt wäre, wäre er imstande, Gutes zu tun. Und in diesem Maße wäre er fähig, am Werk der Erlösung teilzuhaben. Und in diesem Maße wäre die Gnade nicht souverän. Die beiden Wahrheiten stehen und fallen gemeinsam. Und so verhält es sich mit der ganzen Wahrheit.

Zweitens heißt alles das – und das ist überaus ernst –, daß die Wahrheit von der völligen Verderbtheit als einzige die Ehre Gottes unversehrt erhält. In dem Maße, wie man dem Menschen Gutes zuschreibt, beraubt man den einzig verehrungswürdigen Gott seiner Ehre. In dem Maße, wie der Mensch anders sein soll, als das furchtbare Urteil der Heiligen Schrift es lehrt, ist Gott nicht mehr der herrliche, erhabene und heilige Gott des Himmels und der Erde.

Und das führt uns zum letzen Punkt: Diese Wahrheit ist auch in Bezug auf das Leben des Kindes Gottes wichtig.

Die Lehre von der völligen Verderbtheit ist kein kaltes oder abstraktes Dogma. Sie ist das lebendige Bekenntnis des Volkes Gottes. Doch selbst dieses Bekenntnis ist nicht etwas, das aus ihm selbst käme. Es ist die Frucht der Gnade. Denn der Sünder zeichnet sich dadurch aus, daß er sich in Stolz, Hochmut und Überheblichkeit selbst erhöht. In seiner beängstigenden Arroganz weigert er sich, seine völlige Verderbtheit zuzugeben, und brüstet sich vor dem Angesicht des Allerhöchsten seiner Tugend. Wenn aber das glänzende Licht der Heiligkeit Gottes und die souveräne Macht der Gnade ins Herz des auserwählten Kindes Gottes vordringt und er sich entblößt vor dem Angesicht dessen wiederfindet, der die Herzen erforscht, dann erdröhnt in seinen Ohren das schreckliche Urteil der Heiligen Schrift. Er sieht sich selbst als wertlos an, verderbt, unfähig, irgend etwas Gutes zu tun. Und die Worte der Heiligen aller Zeiten klingen in seinem Herzen: »Siehe, in Schuld bin ich geboren, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.« – »O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!« – »Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes?«5

Das ist das lebendige Bekenntnis des Kindes Gottes. Und wenn dieses Bekenntnis seine Seele festhält und er sich selbst so sieht, wie er wirklich ist, wie Gottes Wort ihn beschreibt, dann erblickt er tränenden Auges das Kreuz. Nur dann. Denn in Erkenntnis der Sünde kann er das Wunder, die Macht des Kreuzes sehen, die Barmherzigkeit und Gnade, die dort enthüllt wurde, die unendliche Herrlichkeit und Liebe Gottes, die sich an jenem blutbespritzten Holz offenbarte. Dessen ansichtig, erblickt er das Wunder der souveränen Gnade, und aus seinem Herzen erhebt sich ein Lobgesang zur Ehre und zum Ruhm Gottes – des Gottes seines Heils.

1) Jes. 6, 3; Offb. 4, 8. Soweit nicht anders angegeben, entstammen alle Bibelzitate der Revidierten Elberfelder Übersetzung.
2) 1. Mos. 2, 17
3) 1. Mos. 3, 5
4) Heid. Kat. Fr./Antw. 8
5) Ps. 51, 7; Luk. 18, 13; Röm. 7, 24