Die Fünf Punkte des Calvinismus
von Prof. Herman C. Hanko
Herman Hanko, Homer Hoeksema, Gise J. Van Baren: Die Fünf Punkte des Calvinismus. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Carsten Linke. © 2000 Carsten Linke. Alle Rechte vorbehalten. Titel der Originalausgabe: The Five Points of Calvinism. © 1976 Reformed Free Publishing Association, Grand Rapids, Michigan (heute in Grandville, Michigan).
Das folgende Zitat ist eine Aussage zur Lehre von der göttlichen Vorherbestimmung:
»Daß Gott durch einen ewigen, unveränderlichen Ratschluß in Jesus Christus, seinem Sohn, vor Grundlegung der Welt beschlossen hat, aus dem gefallenen, sündigen Menschengeschlecht diejenigen in Christus, um Christi willen und durch Christus zu erlösen, die durch die Gnade seines Heiligen Geistes in diesen seinen Sohn Jesus glauben und in diesem Glauben und im Gehorsam des Glaubens durch dieselbe Gnade bis ans Ende beharren würden; und andererseits die Unverbesserlichen und Ungläubigen in der Sünde und unter dem Zorn zu belassen und als von Christus Entfremdete zu verdammen, nach dem Wort des heiligen Evangeliums in Johannes 3, 36: ›Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm‹, und anderen Stellen der Heiligen Schrift.«
Es könnte von erheblichem Interesse sein, unsere Leser zu fragen, ob sie diese Beschreibung der Vorherbestimmung für eine akzeptable Definition der Lehre halten. Ja selbst wenn nur einige von ihnen diese Definition für akzeptabel und im Einklang mit der Heiligen Schrift stehend halten würden, wäre es Beweis genug dafür, daß der heutigen reformierten Kirche die Lehre von der Erwählung fast ganz fremd geworden ist. Tatsache ist, daß dieses Zitat der erste Artikel ist, den die Arminianer zu Beginn des 17. Jahrhunderts aufstellten und den sie zusammen mit vier anderen Artikeln ihrer Lehre den reformierten Kirchen der Niederlande zur Einsicht und Billigung übergaben. Und als unsere Väter diese Aussage zur Lehre von der Erwählung prüften, verwarfen sie sie als ausdrücklich ketzerisch und formulierten als Antwort darauf das erste Kapitel unserer Dordrechter Lehrsätze.
Einige mögen fragen: Was ist an dieser Aussage verkehrt? Ist es nicht denkbar, daß unsere Väter und die reformierten Kirchen, die diese Aussage verwarfen, sich nutzlos um nebensächliche und belanglose Einzelheiten sorgten? Ist sie nicht letztendlich eine akzeptable Definition der Lehre von der Erwählung, zu der wir im Grunde alle stehen können? Die Antwort unserer Väter war ein ausdrückliches und energisches »Nein!« Und das sollte auch unsere Antwort sein.
Wenn wir erneut die Schlüsselaussage jener Definition zitieren, wird der Irrtum vielleicht klar werden:
»Daß Gott jene in Christus zu retten beschlossen hat, die in diesen seinen Sohn Jesus glauben und in diesem Glauben und im Gehorsam des Glaubens bis ans Ende beharren würden.«
Genau das ist die Formulierung, gegen die unsere Väter Einspruch erhoben. Ihr Einwand war, daß diese Aussage der Arminianer, obwohl in reformierter und scheinbar biblischer Sprache abgefaßt, in Wahrheit einen Glauben an die Lehre von einer bedingten Erwählung in die reformierten Kirchen einführen wollte – eine Erwählung, die auf vorhergesehenem Glauben und Gehorsam des Glaubens beruht. Unsere Väter bestanden im Gegensatz dazu aber darauf, daß die Wahrheit der Heiligen Schrift, der reformierten Bekenntnisschriften und der reformierten Kirchen seit der Zeit der protestantischen Reformation die Wahrheit von der bedingungslosen Erwählung sei.
Diese Wahrheit ist Thema dieses Kapitels.
Es ist offensichtlich, daß alle Fünf Punkte des Calvinismus, mit denen sich dieses Büchlein befaßt, wichtig sind. Und wirklich, wenn nur einer der Fünf Punkte des Calvinismus geleugnet würde, ginge das gesamte reformatorische Erbe verloren. Es ist aber gewiß, daß die Wahrheit von der bedingungslosen Erwählung das Grundgerüst bildet. Diese Wahrheit ist der Prüfstein des reformierten Glaubens. Sie ist die Grundlage der Wahrheit Gottes von unserer Erlösung. Sie ist das Herz und der Kern des Evangeliums. Sie ist die Grundlage allen Trostes und aller Sicherheit des Volkes Gottes in der Welt. Sie allein entzündet in den Herzen der Gläubigen die brennende Hoffnung auf das ewige Leben. Zweifellos aus genau diesem Grund ist in der ganzen Geschichte der Kirche keine andere Wahrheit so heftig und unnachgiebig angegriffen worden wie die von der bedingungslosen Erwählung. Doch niemand kann jemals behaupten, ein Calvinist oder Reformierter zu sein, wenn er dieser kostbaren Wahrheit nicht fest und bleibend verpflichtet ist.
Wir erörtern diese Wahrheit unter den folgenden drei Fragen, die wir stellen und beantworten werden:
Bevor wir fortfahren zu bestimmen, was mit bedingungsloser Erwählung gemeint ist, ist es wichtig, sich kurz die Geschichte dieser Wahrheit in der Kirche in Erinnerung zu rufen. Wir sind es normalerweise gewöhnt, diese Wahrheit bis zur calvinischen Reformation zurückzuverfolgen. Es war aber nicht Calvin, der als Erster diese Wahrheit entfaltete. Wie schon bei der Wahrheit von der völligen Verderbtheit war es auch hier wieder Augustin, der länger als ein Jahrtausend früher, im 5. Jahrhundert nach Christus, lebte, der als Erster davon sprach. Wenn wir einen Augenblick darüber nachdenken, ist es nicht weiter überraschend. Augustin vertrat den Standpunkt, daß der Mensch völlig verderbt sei. Damit meinte er, daß der Mensch unfähig sei, irgend etwas Gutes zu tun, und – ganz wichtig – daß der Mensch unfähig sei, irgend etwas zu tun, was zu seiner Erlösung beitragen könnte. Deshalb antwortete Augustin auf die Frage, wie der Mensch gerettet würde, daß die Kraft der Erlösung allein in der Kraft der souveränen, unverdienten Gnade zu finden sei. Es gebe keine andere Kraft der Erlösung als diese. Doch sofort erhebt sich die Frage: Wenn die Kraft der Erlösung die Kraft der souveränen, unverdienten Gnade ist und in keiner Weise vom Menschen abhängt, wie kommt es dann, daß einige Menschen gerettet werden und andere nicht? Die Antwort darauf fand Augustin im Ratschluß von der Erwählung und Verwerfung. Er entwickelte diese Wahrheit darum als Teil seiner Antwort auf den Irrtum des Pelagianismus.
Leider ist diese Wahrheit in der Formulierung Augustins nie offiziell von der Römisch-Katholischen Kirche angenommen worden. Wenn Rom Augustin auch als Kirchenvater verehrt, so sind seine Lehren doch schnell in Vergessenheit geraten. In den finsteren Jahrhunderten zwischen Augustin und Johannes Calvin fanden sich nur wenige, die diese Wahrheit mit dem gleichen Nachdruck wie Augustin vertraten. Ein solcher Mann war Gottschalk, ein deutscher Theologe, der, nachdem er Augustin gelesen hatte, von der Wahrheit der souveränen Vorherbestimmung überzeugt war. Doch weil er sie lehrte, wurde er eingekerkert, bezahlte den höchsten Preis eines Märtyrertodes und verfaulte, von der Kirche verurteilt, in einem finsteren Verlies in Frankreich.
So wurde die Wahrheit von der souveränen Vorherbestimmung erst zu Zeiten der Reformation wieder in den Vordergrund gerückt. Luther glaubte daran und vertrat und lehrte sie mit Nachdruck. Aber er machte sie nie zum wesentlichen Bestandteil seiner Theologie. Luthers Hauptaugenmerk galt der Wahrheit von der Rechtfertigung durch den Glauben, und er hat die Wahrheit von der souveränen Vorherbestimmung nie in all ihrer biblischen Bedeutung entfaltet.
Diese Arbeit wurde von Johannes Calvin verrichtet. Und wahrlich, wenn es einen Grund gab, warum Calvin gehaßt wurde, dann den, daß er so unbeirrt an der Wahrheit von der bedingungslosen Erwählung festhielt.
Diese Wahrheit wurde ein wichtiger Bestandteil des Bekenntnisses aller Kirchen, die der Theologie des Genfer Reformators folgen. Die Wahrheit von der bedingungslosen Erwählung ist in die Bekenntnisschriften aller reformierten und calvinistischen Kirchen aufgenommen worden, nicht nur in Europa, sondern auch in diesem Land1.
In den letzen Jahren des Jahrhunderts der Reformation und zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde diese Wahrheit von Arminius angegriffen. Er war Professor der Theologie an der reformierten Universität Leiden, hatte an der Akademie in Genf studiert und wies dennoch die Wahrheit von der Vorherbestimmung öffentlich zurück. Doch wie so oft, wenn eine Ketzerei in die Kirche Christi eingeschleppt wird, so versuchten auch in diesem Fall Arminius und seine Anhänger, ihre Lehre unter dem Banner der Reformation in die Kirche hineinzutragen. Sie versuchten, ihre Ketzerei als die Lehre der Heiligen Schrift zu verkaufen, und forderten, daß sie zum Bekenntnis der reformierten Kirchen gemacht werden sollte. Doch unsere Väter wollten davon nicht wissen und stellten unmißverständlich klar, daß die bedingte Erwählung der Arminianer weder eine Wahrheit der Heiligen Schrift noch das Erbe der calvinischen Reformation ist.
Es ist nicht schwer zu verstehen, warum die Arminianer die bedingte Erwählung lehrten. Zunächst einmal glaubten sie nicht an die völlige Verderbtheit. Sie wollten dem Menschen die Freiheit seines Willens erhalten – die Macht des menschlichen Willens, sich für das Gute zu entscheiden und das ihm dargebotene Evangelium anzunehmen. Sie behaupteten, daß Gott alle Menschen liebe, daß Haß und Zorn Gottes Natur fremd seien, daß es Gottes Ziel und Wille sei, alle Menschen zu erlösen, daß Gott darum durch die allgemeine Versöhnung die Erlösung für alle Menschen verfügbar und erhältlich gemacht habe – ein allumfassendes Kreuz, an dem Christus für die Sünden jedes Menschen gestorben sei. Es ist klar, daß in einem solchen System, wie es sich die Arminianer vorstellten, kein Platz für bedingungslose Erwählung ist. Während die Arminianer also an der reformierten und biblischen Sprache festhalten und weiterhin von Erwählung sprechen wollten, schnitten sie dieser wichtigen und wunderbaren Wahrheit das Herz heraus, indem sie behaupteten, die Erwählung sei an Bedingungen geknüpft. Gott erwähle die, von denen er wüßte, daß sie glauben würden, sagten die Arminianer. Gott erwähle die, von denen er wüßte, daß sie das ihnen dargebotene Evangelium annehmen würden. Gott erwähle die, von denen er wüßte, daß sie aus eigenem Willen das Evangelium annehmen, in dieser Annahme des Evangeliums beharren und den einmal geübten Glauben bewahren würden. Erwählung sei auf das Werk des Menschen gegründet.
Doch es war genau diese Beschreibung der Wahrheit von der Erwählung, der sich unsere Väter mit aller Kraft widersetzten. Sie sahen sie nicht als nebensächlichen Punkt an, nicht als belangloses Detail der Wahrheit, für die es in den reformierten Kirchen Raum gäbe. Sie sahen in ihr eine Bedrohung der Wahrheit, eine Lehre, die der ganzen Wahrheit des Wortes Gottes das Herz herausreißt. Sie sahen in ihr eine Zerstörerin der Wahrheit von Gottes Werk der Erlösung, wie es in der Heiligen Schrift gelehrt wird. Und darum beharrten sie darauf, daß die Erwählung bedingungslos sei.
Was ist mit Erwählung gemeint?
In der Heiligen Schrift werden verschiedene Wörter gebraucht, um diese Wahrheit zu definieren. Das Wort »Erwählung« selbst wird in Römer 9, 11 benutzt:
»Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten (auf daß der nach der Erwählung gefaßte Vorsatz Gottes bestehe, nicht um der Werke, sondern um des Berufers willen), wurde zu ihr gesagt: ›Der Größere wird dem Kleineren dienen‹« (Schlachter-Übersetzung; Elberfelder ähnlich).
Die anderen beiden Wörter »vorher erkennen« und »vorherbestimmen« werden in Römer 8, 29 benutzt:
»Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und die er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.«
Wenn die Heilige Schrift von der Erwählung spricht, ist es offensichtlich, daß sie sich auf den Ratschluß Gottes bezieht. In Epheser 1 beschreibt der Apostel Paulus die Erwählung mit den folgenden Worten:
»Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er hat uns gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in der Himmelswelt in Christus, wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, daß wir heilig und tadellos vor ihm seien … Er hat uns ja das Geheimnis seines Willens kundgetan nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorgenommen hat in sich selbst … Und in ihm [d. h. Christus] haben wir auch ein Erbteil erlangt, die wir vorherbestimmt waren nach dem Vorsatz dessen, der alles nach dem Rat seines Willens wirkt« (Eph. 1, 3. 4. 9. 11).
Wenn wir also die Wahrheit von der Erwählung verstehen wollen, müssen wir vorher kurz die Wahrheit vom Ratschluß Gottes erörtern. Es ist zwar nicht möglich, diese wichtige Wahrheit hier in allen Einzelheiten zu besprechen, doch einige Bemerkungen müssen schon gemacht werden.
Erstens ist es wichtig festzustellen, daß man Gottes Ratschluß nicht mit einem Plan vergleichen kann – was leider oft getan wird. Wir sprechen von Gottes Ratschluß als einem Plan; doch es ist möglich, daß wir, wenn wir uns dieser Terminologie bedienen, uns darunter so etwas wie den Plan eines Architekten vorstellen, der eine Zeichnung eines neuen Gebäudes anfertigt. Gottes Ratschluß ist nicht diese Art Plan. Er ist nicht auf ein Blatt Papier geschrieben und irgendwo im Himmel abgeheftet. Ebensowenig ist Gottes Ratschluß eine Art Plan, die einer beabsichtigten Reihe von Taten, die wir in unserer Vorstellung haben, gleicht. Wenn wir beispielsweise vorhaben zu verreisen, schmieden wir unsere Reisepläne. Doch so dürfen wir uns den Ratschluß Gottes nicht vorstellen.
Gottes Ratschluß ist vielmehr sein eigener lebendiger Wille. Er ist der lebendige Wille des Gottes des Himmels und der Erde. Das ist die grundlegende Wahrheit, aus der alle übrige Wahrheit von Gottes Ratschluß zwangsläufig folgt. Diese Wahrheit zu leugnen bedeutet in Wirklichkeit, den Ratschluß Gottes im ganzen zu leugnen.
Zweitens ist Gottes Ratschluß ewig. Der Wille Gottes ist der Wille des ewigen Gottes. Wenn Gott ewig ist und sein Wille ewig ist, ist sein Ratschluß gleichfalls ewig. Das bedeutet kurzum, daß Gott niemals ohne seinen Ratschluß ist. Die Schöpfung und die Welt haben einen Anfang – Gott nicht. Er steht über der Zeit, unberührt vom Ablauf der Zeit, er wohnt in der Erhabenheit der Ewigkeit. Und was für Gott gilt, gilt auch für seinem Ratschluß.
Drittens ist Gottes Ratschluß, da er sein lebendiger Wille ist, absolut unveränderlich. »Ich, der Herr«, so informiert der Prophet Maleachi das Volk Israel, »ich habe mich nicht geändert; aber ihr, Söhne Jakob, ihr habt nicht aufgehört« (Mal. 3, 6). Die Unveränderlichkeit von Gottes Wesen ist auch die Unveränderlichkeit seines ewigen Ratschlusses. Es gibt nichts, was seinen Ratschluß verändern könnte, nichts, was Gott zwingen könnte, ihn in irgendeiner Hinsicht abzuändern. Er ist ewig und unveränderlich. Wir gebrauchen manchmal den Ausdruck: »Das Gebet kann Dinge verändern.« Es ist nicht ganz klar, was mit diesem vagen, zweideutigen Satz gemeint ist. Wenn aber gemeint ist, daß durch unsere Gebete der Wille und Ratschluß Gottes verändert wird, so daß Gott nicht das tut, was er ursprünglich zu tun beschlossen hat, dann muß dieser Ausdruck verdammt werden. Es gibt nichts, was den Ratschluß Gottes ändert oder ändern könnte.
Viertens ist der Ratschluß Gottes, da er sein lebendiger Wille ist, souverän wirksam. Alles, was Gott in seinem Ratschluß zu tun beschlossen hat, wird auch getan. Keine Macht kann ihn vereiteln. Alle Macht gehört Gott. Keine Eventualitäten des Lebens können seine Verwirklichung verhindern. Alles, was Gott in seinem Ratschluß zu tun beschlossen hat, wird gewiß so absolut genau eintreffen, wie er es vor Grundlegung der Welt bestimmt hat.
Fünftens besteht der Zweck von Gottes Ratschluß – der Grund, warum er ihn gefaßt hat – in der Verherrlichung seines Namens. Gott beschloß, sich selbst zu verherrlichen. Nicht weil er diese Herrlichkeit brauchte, um sein Dasein, wie er es in sich selbst führt, zu vervollkommnen. Nicht weil seine Herrlichkeit unvollkommen wäre. Nicht weil die Dinge, die er in seinem Ratschluß zu tun beschlossen hat, seine Herrlichkeit in irgendeiner Hinsicht reicher oder voller machen würden, als sie sind. Sondern einfach deshalb, weil es ihm gefiel, die Herrlichkeit seines Wesens zu offenbaren, so daß sie erkannt werde. Alles was Gott tut, ist daher von der Ehre bestimmt, für die er eifert.
Und nach der Heiligen Schrift wünscht sich Gott durch Christus zu verherrlichen. Das ist die ganze Wahrheit jenes wunderschönen Abschnitts in Epheser 1, der von der Erwählung spricht. Gott beschließt, seine Herrlichkeit bekanntzumachen – aber durch Christus. Das heißt: durch Christus, als er aus der Jungfrau geboren wurde und unter uns lebte, durch Christus, als er am Kreuz litt und starb, durch Christus, als er in Macht und Herrlichkeit von den Toten auferstand, durch Christus, als er in die höchsten Himmel erhoben wurde, durch Christus, wenn er wiederkommen wird am Ende der Zeit, um das ewige Reich der Gerechtigkeit zu errichten – durch diesen Christus offenbart Gott alle Herrlichkeit seines eigenen göttlichen Wesens. Christus ist die vollkommene Offenbarung der Herrlichkeit Gottes.
Und das bringt uns zum Kern unseres Themas, denn sobald wir »Christus« sagen, sagen wir auch »die Erwählten«. Es gibt keinen Christus ohne die Erwählten. Er wurde in Bethlehem geboren, aber in unserem Fleisch. Er starb am Kreuz anstelle seines Volkes, um der Gerechtigkeit Gottes genüge zu tun, die die Bestrafung der Sünde forderte. Er stand aus dem Grab seines Volkes wieder auf, um für sie den Tod zu besiegen. Er sitzt im Himmel zur Rechten Gottes, um für sein Volk zu beten und alles vorzubereiten, damit sein Volk zu ihm in die ewige Herrlichkeit eingehen kann. Und das alles ist wahr, weil die Erwählten vor Grundlegung der Welt in Christus erwählt worden sind. Insofern Gott sich in Christus zu verherrlichen beschlossen hat, hat er beschlossen, sich in einem auserwählten Volk zu verherrlichen, das er in Christus erwählt hat und das dazu bestimmt ist, für alle Zeit mit Christus im ewigen Leben zu sein.
Das ist die Wahrheit von Gottes Ratschluß. Daher muß alles, was wir von Gottes Ratschluß gesagt haben, auch von der Vorherbestimmung gesagt werden – sowohl von der Erwählung als auch von der Verwerfung.
Die Erwählung ist also die Entscheidung Gottes, die er in der Ewigkeit gefällt hat, durch welche er mit souveräner Freiheit sich selbst ein Volk erwählt, dem er sich in Liebe zuzuneigen beschlossen hat und das er sich durch Jesus Christus von Sünde und Tod zu ewiger Herrlichkeit erlöst.
Diese Erwählung ist souverän – Gottes souveräne und freie Entscheidung. Diese Erwählung ist ewig, wie auch Gottes Ratschluß ewig ist. Diese Erwählung ist unveränderlich, wie auch Gottes Ratschluß unveränderlich ist. Diese Erwählung ist wirksam, so daß das Urteil der Erwählung durch Christus die Kraft ist, durch welche die Auserwählten wirklich gerettet werden.
Die Erwählung ist darum bestimmt und besonders. Vielleicht muß man darauf näher eingehen. Es gibt einige, die behaupten, daß die Erwählung eine allgemeine Wahl seitens Gottes sei, daß er also nur beschlossen habe, einige Menschen zu retten. Doch welche Menschen genau es seien, die Gott zu retten beschlossen hat, sei durch das Urteil der Erwählung nicht entschieden. Dies ist einmal mehr der alte arminianische Trick. Es sei nur entschieden, daß Gott einige rette, doch wen er im einzelnen rette, würde anhand dessen entschieden, was der Mensch mit dem dargebotenen Evangelium anfange. Das ist keine Erwählung – weder gemäß der Schrift noch gemäß reformiertem Erbe. Gott hat die Seinen vor Grundlegung der Welt gekannt und erwählt, ihre Namen gekannt und sie ins Buch des Lebens geschrieben, so daß jeder in Ewigkeit vor Gottes Geist und Herz als Gegenstand seiner Liebe steht.
Nun ist diese Erwählung bedingungslos. Wir glauben an die bedingungslose Erwählung. Diese Wahrheit von der bedingungslosen Erwählung muß bewahrt werden, weil sie unversöhnlich der arminianischen Ketzerei gegenübersteht, welche lehrt, die Erwählung sei bedingt.
Noch einmal: Es sollte klar sein, daß die Wahrheit von der bedingungslosen Erwählung nicht einfach ein kleiner Unterschied, ein nebensächliches und belangloses Detail ist. Als unsere Väter auf dieser Wahrheit beharrten, waren sie nicht darauf aus, Haarspalterei zu betreiben (was man ihnen so oft vorwirft). Die Arminianer zerstörten das ganze Werk Gottes bei der Erlösung, als sie ihre Ketzerei verkündeten. Sie dürfen sicher sein, daß das gleiche auch heute noch gilt. Es ist überaus ungerecht, die, welche die Wahrheit von der bedingungslosen Erwählung aufrechterhalten, zu beschuldigen, sich mit unwichtigen Details der Wahrheit aufzuhalten. Denn Tatsache ist: Wenn wir nicht an der bedingungslosen Erwählung festhalten, dann gibt es überhaupt keine Erwählung. Die Erwählung an Bedingungen zu knüpfen hieße, der Wahrheit von der Erlösung das Herz herauszureißen, weil man dann die Macht der souveränen Gnade leugnet, durch die Gott jene rettet, welche er als die Seinen erwählt hat. Dann leugnet man die begrenzte Versöhnung, auch wenn diese Wahrheit auf jeder Seite der Heiligen Schrift gelehrt wird. Dann leugnet man die völlige Verderbtheit und findet viele gute Dinge im Menschen, an ihrer Spitze seine Fähigkeit, am Werk der Erlösung mitzuwirken. Die bedingte Erwählung ebnet allen anderen Ketzereien den Weg. Es paßt alles zusammen. Denn dann wäre Gottes Wahl nicht souverän, sondern hinge von dem ab, was der Mensch mit der Erlösung, die Gott ihm so liebevoll darbietet, anfängt, und die nicht sein eigen wäre, wenn er sie nicht durch seine eigene Kraft empfängt, um sie anzunehmen oder zu verwerfen.
Es dürfte nicht verkehrt sein, nebenbei anzumerken, daß der Standpunkt der Arminianer äußerst kompliziert ist. Es ist, gelinde gesagt, schwierig, den arminianischen Standpunkt zu verstehen. Es erheben sich viele Fragen, die die Arminianer selbst nicht zu beantworten beschlossen haben, sondern die sie mit der bequemen Ausrede abtun, es handele sich um »scheinbare Widersprüche«. Wenn Gott zum Beispiel wünschte, alle Menschen zu retten, dann aber doch nicht alle Menschen gerettet werden, würde dann nicht die Absicht Gottes vom Menschen vereitelt? Würde nicht der allmächtige Herrscher des Himmels und der Erde von der kümmerlichen Kraft des Menschen überwunden? Die unvermeidliche Antwort auf solche peinlichen Fragen ist dann: »Das ist ein scheinbarer Widerspruch, den wir nicht erklären können.« Doch wahrlich, im Gegensatz zu der komplizierten und verwickelten Position der Arminianer ist die Wahrheit der Heiligen Schrift klar und einfach zu verstehen. Letztendlich ist es nicht die Frage, ob man ihr zustimmt oder nicht. Aber man kann sie verstehen. Sie ist so einfach, daß selbst ein Kind sie versteht. Und sie geht all den Fallen und peinlichen Fragen aus dem Weg, die sich die Arminianer gefallen lassen müssen.
Doch wie es auch immer sei, es ist die Wahrheit von der bedingungslosen Erwählung, die wir bewahren müssen. Was heißt das?
Erstens heißt es (negativ), daß Gott bei der Erwählung nicht nach dem entscheidet, was sich im Menschen findet. Er gründet seine Wahl in keinerlei Hinsicht auf den Menschen. Weder auf des Menschen Güte, Werke, Glauben oder Heiligkeit, noch auf seine Treue zum Evangelium. Im Menschen findet sich nichts Gutes. Es war die freie, souveräne Entscheidung Gottes. Er traf sie ohne jede Rücksicht auf den Menschen. Der Apostel Paulus drückt dies in Römer 9, 10–13 aus. Er redet von Jakob und Esau – Kindern Isaaks und Rebekkas. Er schreibt:
»Nicht allein aber bei ihr war es so, sondern auch bei Rebekka, als sie von einem, von unserem Vater Isaak, schwanger war. Denn als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten – damit der nach freier Auswahl gefaßte Vorsatz Gottes bestehen bliebe, nicht aufgrund von Werken, sondern aufgrund des Berufenden –, wurde zu ihr gesagt: ›Der Ältere wird dem Jüngeren dienen‹; wie geschrieben steht: ›Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt.‹«
Dieselbe Wahrheit wurde im Alten Bund ausgedrückt, als Israel an die Grenzen Kanaans gebracht worden war. Gott redete durch Mose zu Israel:
»Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat der Herr sich euch zugeneigt und euch erwählt – ihr seid ja das geringste unter allen Völkern –, sondern wegen der Liebe des Herrn zu euch, und weil er den Eid hielt, den er euren Vätern geschworen, hat der Herr euch mit starker Hand herausgeführt und dich erlöst aus dem Sklavenhaus, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten« (5. Mos. 7, 7. 8).
Gott erwählte Israel nicht, weil es besondere Eigenschaften hatte, die es von anderen Völkern unterschieden. Der einzige Grund, weshalb Gott Israel erwählte, war der, daß Gott Israel liebte. Seine Entscheidung war frei und souverän.
Zweitens (und positiv) gründet sich diese Erwählung einzig auf Gottes Wohlgefallen. In Epheser 1, 4. 5 wird die Wahrheit dieser Aussage dargelegt:
»… wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, daß wir heilig und tadellos vor ihm seien in Liebe und uns vorherbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens.«
Das ist die einzige Grundlage der Erwählung. Gott erwählte die, die er erwählte – weil es ihm gut erschien, es zu tun. Es war sein Wohlgefallen. Es war das Wohlgefallen seines eigenen, ewigen und unveränderlichen Willens, denn er hatte sich auf seine Weise durch ein Volk zu verherrlichen beschlossen, das er sich erwählen würde.
Drittens bedeutet es, daß aller Segen der Erlösung dem Urteil der Erwählung entspringt. Wir sind nicht erwählt, weil wir glauben, sondern weil es Gott gefiel, uns zu erwählen. Und Glaube und Beharrlichkeit im Glauben sind ein Segen, der uns erst durch die Erwählung zuteil wird. Die Erwählung ist die Quelle jedes guten Werkes. Unsere Dordrechter Lehrsätze betonen dies, ganz wie erwartet, sehr deutlich:
»Daß aber zur Zeit einige mit dem Glauben beschenkt werden, andere nicht, das geht aus seinem [d. h. Gottes] ewigen Ratschlusse hervor …« (D. L. I, 6).
»Eben diese Erwählung ist nicht geschehen nach vorhergesehenem Glauben und gläubigem Gehorsam, nach Frömmigkeit oder irgendeiner andern guten Eigenschaft oder Beschaffenheit, als wenn ein Grund oder eine Bedingung in dem zu erwählenden Menschen vorher erforderlich wäre, sondern zum Glauben, zu gläubigem Gehorsam, zur Frömmigkeit usw. Und deshalb ist die Erwählung die Quelle jedes seligmachenden Gutes, aus der Glaube, Frömmigkeit und die übrigen heilbringenden Gaben, das ewige Leben selbst endlich wie ihre Früchte und Wirkungen hervorgehen …« (D. L. I, 9).
In diesem Zusammenhang muß man auch ein Wort zur Wahrheit von der Verwerfung sagen, auch wenn wir uns ihr aus Platzgründen nicht im Detail widmen können.
Erstens muß betont werden, daß die Wahrheiten von der Erwählung und Verwerfung gemeinsam stehen und fallen. Die Erwählung zu leugnen hieße, die Verwerfung zu leugnen. Die Verwerfung zu leugnen hieße, die Erwählung zu leugnen. An die Erwählung zu glauben heißt, an die Verwerfung zu glauben. An die Verwerfung zu glauben heißt, an die Erwählung zu glauben. An dieser Stelle gibt es keine Kompromisse. Von Calvin gibt es dazu ein sehr schönes Zitat in seiner »Institutio«. Er schreibt in Buch III, Kap. 23, Abs. 1:
»Einige möchten dem Anschein nach jede Verunglimpfung von Gott fernhalten und bekennen die Erwählung so, daß sie dabei bestreiten, es würde irgendwer verworfen. Aber das ist doch gar zu unverständig und kindisch: denn die Erwählung selbst hätte ohne die ihr gegenüberstehende Verwerfung keinen Bestand. Es heißt doch, daß Gott die aussondert, die er zum Heil aufnimmt … Die Gott also übergeht, die verwirft er, und zwar aus keinem anderen Grunde als dem, daß er sie von dem Erbteil, das er seinen Kindern vorbestimmt, ausschließen will. Unerträglich ist aber die Unverschämtheit der Menschen, wenn sie sich von Gottes Wort nicht am Zügel halten läßt, wo es sich um seinen unbegreiflichen Ratschluß handelt, den selbst die Engel anbeten.«
Das ist Calvinismus und reformierter Glaube.
Zweitens ist Gottes Urteil der Verwerfung auch ein Urteil seines souveränen, ewigen und unveränderlichen Ratschlusses. Gemäß diesem Urteil hat Gott beschlossen, seine Gerechtigkeit, seinen Zorn und Haß und somit die Heiligkeit seines göttlichen Wesens in Gefäßen des Zorns zu offenbaren, zubereitet zum Verderben und zur ewigen Strafe in der Hölle wegen ihrer Sünden.
Das ist die Wahrheit von der Verwerfung.
Es ist ganz und gar nicht fremd, daß die Wahrheit von der Vorherbestimmung beinahe überall verworfen wird. Traurig aber ist, daß sie auch von solchen verworfen wird, die unter der reformierten Flagge segeln und behaupten, Calvinisten zu sein. So etwas ist Betrug!
Es gibt viele Arten, diese Wahrheit zu leugnen.
Wir haben bereits die Einwände des Arminianismus besprochen. Heutzutage ist es offensichtlich, daß die, welche den Standpunkt der Arminianer eingenommen haben, überhaupt nicht mehr von der Vorherbestimmung reden. Sie ist verlorengegangen. Im Arminianismus ist grundsätzlich kein Platz für Vorherbestimmung.
Es gibt andere, die diese Wahrheit leugnen, indem sie einfach schweigen. In reformierten Kreisen ist diese Form des Leugnens vielleicht die häufigste von allen. Man sagt zwar, daß man diese Wahrheit glaubt, doch man meidet sie sehr sorgfältig in allen Predigten und Lehren und Schriften. Die Absicht ist natürlich, die Wahrheit in aller Stille zu töten. Auch das ist ein Leugnen der Vorherbestimmung. Zur Rechtfertigung des Schweigens führt man an, daß die Vorherbestimmung zu den verborgenen Dingen Gottes gehöre. Man behauptet, die Vorherbestimmung gehöre zu den verborgenen Dingen Gottes, während wir uns nur mit dem zu befassen hätten, das uns und unseren Kindern offenbart ist. Dieweil also die, die solches behaupten, erklären, daß sie diese Lehre von der Vorherbestimmung glauben, schweigen sie darüber, weil sie behaupten, daß sie, wenn sie darüber redeten, in Geheimnisse eindrängen, die sie nichts angingen. Doch das alles ist einfach nicht wahr. Obschon Gott in der Tat nicht ausdrücklich offenbart hat, wer seine Erwählten im Einzelnen sind, ist die Wahrheit von der Erwählung als solche doch auf jeder Seite der Heiligen Schrift zu finden. Blättern Sie, wohin Sie wollen: Die Erwählung wird, wenn schon nicht ausdrücklich erwähnt, so doch nichtsdestoweniger vorausgesetzt. Und weil diese Wahrheit so klar offenbart ist, muß sie Bekenntnis des Volkes Gottes sein.
Es gibt andere, die die Erwählung offen leugnen. Das gilt nicht nur für die Modernisten, sondern auch für reformierte Kreise. Das folgende Zitat wurde dem »Reformed Journal«, Ausgabe Januar 1967, entnommen und soll als Beispiel dienen:
»Was ist mit Gottes Verurteilung oder Verwerfung? Setzt Erwählung nicht logisch Verwerfung voraus? Meint Erwählung nicht in Wirklichkeit Auswahl? … Israels Erwählung, obwohl manchmal vom Volk selbst mißverstanden, meinte letztendlich seine Berufung zum Dienst an anderen Völkern. Es ging also nicht darum, andere Völker für immer auszuschließen, sondern um Gottes auserwähltes Israel auf seinem Weg zu den anderen. Erwählung im biblischen Sinn setzt Dienst voraus, doch offensichtlich nicht Verwerfung …«
Der Autor trifft hier zwei Aussagen. Erstens sagt er, Erwählung heiße nicht, daß Gott ewig und unveränderlich in Christus beschlossen hat, wer sein Volk sei und dazu bestimmt, für immer mit ihm im Himmel zu leben. Vielmehr heiße Erwählung nur, daß Gott das Volk Israel als Volk nahm und absonderte, damit es verantwortlich wäre, der ganzen Welt das Evangelium zu bringen. Das ist laut diesem Artikel alles, was mit Erwählung gemeint ist.
Zweitens, weil das Volk Israel als Werkzeug ausgewählt sei, durch welches Gott der ganzen Welt das Evangelium bringt, gebe es so etwas wie Verurteilung oder Verwerfung nicht, denn die ganze Welt sei in Israel erwählt. Und somit unterstützt der Autor das, was für ihn die Wahrheit von der allgemeinen Versöhnung und der allgemeinen Liebe Gottes ist.
Das ist ein offenes Leugnen der Wahrheit von der Erwählung und Verwerfung. Es ist rätselhaft, wie so etwas unter reformiertem Namen geschehen kann.
Es gibt andere, welche die Wahrheit von der Vorherbestimmung bestreiten, indem sie Einwände gegen die Lehre erheben. Diese Einwände sind so alt wie die Lehre selbst. Die gleichen Einwände, die wir heute hören, wurden bereits in den Tagen Augustins erhoben – ja selbst in den Tagen des Apostels Paulus. Wenn wir diese Einwände untersuchen, reduzieren sie sich im wesentlichen auf zwei.
Erstens gibt es gegen diese Lehre eine Klasse von Einsprüchen, die Beschuldigungen gegen Gott selbst enthalten. Man wendet ein, die Vorherbestimmung mache aus Gott einen Tyrannen, den Urheber der Sünde, einen launischen Diktator, der willkürlich die einen erwähle, die anderen verwerfe. Dies gleicht den Einsprüchen, an die Paulus in Römer 9, 14. 19 denkt:
»Was sollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne! … Du wirst nun zu mir sagen: Warum tadelt er noch? Denn wer hat seinem Willen widerstanden?«
Es sind Einsprüche, die gegen Gott und seine Gerechtigkeit erhoben werden.
Die andere Klasse Einwände läuft darauf hinaus, daß sie uns des Fatalismus beschuldigen. Man sagt, die Wahrheit von der Vorherbestimmung sei fatalistisch und gleiche der entsetzlichen Lehre der Mohammedaner. Diese Einwände meinen, die Wahrheit von der Vorherbestimmung mache die Menschen zu gleichgültigen und profanen Sündern. Die Lehre erwecke in den Menschen den Standpunkt: »Laßt uns sündigen, daß die Gnade um so reicher sei.« Die Lehre zwinge die Menschen zu sagen: »Wenn ich ein Erwählter bin, komme ich in den Himmel, egal, was ich tue – selbst wenn ich immens sündige. Also sollte ich mich in diesem Leben amüsieren, da ja meine Sünde meine Erwählung nicht rückgängig machen kann. Und andererseits, wenn ich kein Erwählter bin, werde ich nicht in den Himmel kommen, was für ein Leben ich auch immer führe. Daher werde ich, da ich verworfen bin, gewiß in die Hölle kommen, selbst wenn ich heilig lebe. Also kann ich ebensogut das Leben genießen und so viel wie möglich sündigen. Nichts kann Gottes ewigen Beschluß verändern.« So, sagt man, zerstöre die Lehre von der Vorherbestimmung die Verantwortlichkeit des Menschen und mache ihn zu einem Stock oder Klotz.
Alle diese Einwände sind sehr alt.
Was sollen wir antworten?
Einerseits kommt es durchaus vor, daß diese Fragen von aufrichtigen Kindern Gottes gestellt werden. Sie werden nicht gestellt, um die Wahrheit zur Farce zu machen, sondern vielmehr, weil das Volk Gottes die Wahrheit so gut wie möglich verstehen möchte. Und dann sind diese Fragen absolut legitim.
Doch meistens werden die Einwände von bösen Menschen vorgebracht, die die Wahrheit hassen. Sie wollen die Wahrheit verleumden, den Menschen die Lehre verhaßt machen und sie überzeugen, die Lehre aufzugeben. Fast immer sind es Einwände, die bösen Herzen entspringen und nicht den bescheidenen Fragen des Volkes Gottes.
Es ist gut, sich daran zu erinnern, denn wenn das Motiv böse ist, wird nichts, was die Heilige Schrift sagt, diese Einwände in irgendeiner Weise ändern.
Zweitens müssen wir darauf vorbereitet sein zuzugeben, daß diese Wahrheit sehr tiefgründig ist. Es gibt tatsächlich Fragen, die unseren Gedanken entspringen, die zu beantworten wir unfähig sind. Calvin erinnert uns zum Beispiel immer wieder daran, daß wir uns auf das beschränken müssen, was die Heilige Schrift lehrt, und uns nicht erlauben dürfen, die Pfade zu verlassen, auf denen die Heilige Schrift uns führt. Wo die Heilige Schrift uns auffordert haltzumachen, da müssen wir haltmachen. Und wenn es an dieser Stelle immer noch unbeantwortete Fragen gibt, dann sei es so; wir beugen uns in Demut vor der Wahrheit des Wortes Gottes. Doch manchmal wird diese Wahrheit benutzt, um die Wahrheit von der Vorherbestimmung auf sehr subtile Weise zu leugnen und die Untersuchung dieser Wahrheit ganz zu verhindern. Und so muß betont werden, daß wir, wenn wir auch nicht auf Pfaden wandeln dürfen, auf die uns die Heilige Schrift nicht führt, so doch folgen müssen, wo die Heilige Schrift uns an die Hand nimmt und uns die Herrlichkeit dieses Werkes Gottes zeigt. Wenn die Heilige Schrift dieses Bekenntnis auf unsere Lippen legt, dann muß es auch das unsrige sein.
Drittens können wir hinsichtlich der ersten Klasse von Einwänden, welche Gott der Launenhaftigkeit beschuldigen und zum Urheber der Sünde machen, nichts besseres tun, als Paulus’ Antwort auf gleichartige Einwände zu zitieren:
»Was sollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne! Denn er sagt zu Mose: ›Ich werde begnadigen, wen ich begnadige, und werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme.‹ So liegt es nun nicht an dem Wollenden, noch an dem Laufenden, sondern an dem begnadigenden Gott. Denn die Schrift sagt zum Pharao: ›Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erzeige und damit mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde.‹ So denn: wen er will, begnadigt er, und wen er will, verhärtet er. Du wirst nun zu mir sagen: Warum tadelt er noch? Denn wer hat seinem Willen widerstanden? Ja freilich, o Mensch, wer bist du, der du das Wort nimmst gegen Gott? Wird etwa das Geformte zu dem Former sagen: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre zu machen?« (Römer 9, 14–21)
Das ist die Antwort der Heiligen Schrift; das muß auch unsere Antwort sein.
Zuletzt, hinsichtlich der Beschuldigungen des Fatalismus weiß jedes Kind Gottes in seinem Herzen, daß sie nicht wahr sind. Die Geschichte der reformierten Kirchen ist Zeugnis genug, daß sie nicht wahr sind. Ist nicht diese Geschichte mit dem Blut der Märtyrer geschrieben, die nicht ihr irdisches Leben liebten, weil sie die Wahrheit von der ewigen Erwählung glaubten und bekannten? Gibt es nicht eine lange Reihe von Glaubenshelden, die diese Wahrheit liebten und bekannten, und deren Leben Zeugnis von der Macht der Gnade Gottes in ihren Herzen ablegt?
Dafür gibt es Gründe. Denn die Wahrheit von der Erwählung meint nicht nur, daß Gott diejenigen erwählt, die sein Volk sein sollen, sie meint nicht nur, daß Gott beschlossen hat, daß sie im Himmel leben sollen, sondern auch, daß Gott seinem Volk ein Leben in Heiligkeit in dieser Welt garantiert. Das Urteil der Erwählung ist die Grundlage aller Segnungen der Erlösung. Die Erwählung wurde auf Golgatha verwirklicht. Und auf Golgatha wurde die Erlösung vollbracht. Die gleiche Erlösung wird durch die souveräne Gnade den Herzen der Auserwählten Gottes zuteil. Das machen unsere Lehrsätze immer wieder klar:
»Diese Erwählung ist aber nicht eine mehrfache, sondern eine und dieselbe für alle, die gerettet werden sollen, im Alten und Neuen Testament, da die Schrift nur ein Wohlgefallen, einen Vorsatz und Beschluß des göttlichen Willens verkündigt, durch den er uns von Ewigkeit zur Gnade und Herrlichkeit auserwählt hat, und zur Seligkeit und dem Wege der Seligkeit, den er uns bereitet hat, damit wir auf ihm wandeln.« (D. L. I, 8 – eigene Hervorhebung. Siehe auch D. L. I, 6. 9 weiter oben.)
Die Erwählung ist die Quelle einer unendlichen Zahl von Segnungen, die dem Volk Gottes zufließen. Durch die Kraft der Erwählung wandeln sie als Volk Gottes in der Welt. Gleichgültige und profane Christen? Nein, sondern Erwählte, erkauft mit dem am Kreuz vergossenen Blut und geheiligt durch die Kraft der souveränen Gnade.
Die Bedeutung dieser Lehre ist zuallererst von theologischer Art. Sie ist die zentrale Wahrheit der gesamten Heiligen Schrift. Während sie an Hunderten von Stellen im Wort Gottes wörtlich gelehrt wird, ist sie auch die zugrunde liegende Wahrheit, auf welcher die ganze Heilige Schrift als die Offenbarung Gottes in Christus basiert. Sie ist in jedem Absatz gegenwärtig, sie wird in jedem Teil vorausgesetzt, sie ist eine wesentliche Wahrheit der ganzen Offenbarung Gottes. Und das ist so, weil die Heilige Schrift die Offenbarung des Gottes ist, der errettet. Gott ist souverän. Alle Ehre gehört ihm allein. Es ist diese Wahrheit, die unsere Herzen erhebt, den verehrungswürdigen Gott des Himmels und der Erde zu schauen, und die macht, daß wir uns in Anbetung vor ihm niederwerfen.
Weil sie diese Wahrheit enthält, ist die ganze Heilige Schrift eine wunderbare Einheit. Es ist nicht nötig, schwer verständliche Unterscheidungen zu treffen. Es ist nicht nötig, einer zweigleisigen Theologie zu folgen. Alles ist ein wunderbares Ganzes. Gott ist souverän in der Wahl seines Volkes. Und als der Souverän liebkost er sein Volk, aber haßt die Bösen. Als der Souverän zeigt er durch das Kreuz denen sein Wohlwollen, die ihm gehören, aber schüttet seinen Zorn über alle Übeltäter aus. Deshalb ist auch seine Gnade niemals von allgemeiner Gültigkeit. Sie ist immer besonders – sie wird durch das Kreuz den Objekten seiner Erwählung gespendet. Und sie ist unwiderstehlich in ihrer Besonderheit, weil er die, welche er erwählt hat, auch gewiß zur endgültigen Erlösung und Glückseligkeit führen wird.
Deshalb heißt es: entweder – oder. Wir können diese Wahrheit leugnen, doch dann müssen wir Gott auch zu einem hilfslosen Götzen machen, der nach unseren Gedanken geformt ist, der vom schwankenden Willen des Menschen abhängig ist, der erst dann handelt, wenn der Mensch seine Wahl getroffen hat, der seine Pläne nach den Launen des Menschen ändert, der letztendlich vom Werk des Menschen abhängig ist. Oder aber wir entscheiden uns für die Wahrheit der Heiligen Schrift und halten an der Wahrheit von einem großen und souveränen Gott des Himmels und der Erde fest, dem allein alle Ehre und Herrlichkeit in Ewigkeit gehört.
Und so schenkt die Lehre von der Erwählung zweitens dem Volk Gottes unaussprechlichen Trost. Wir sind nichts als Sünder, die täglich mehr Schuld aufhäufen. Wenn die Erlösung von uns abhinge, würden wir in der stürmischen See des Zweifels hin und her geworfen werden. Wir können vor Gott nichts verdienen. Doch die Erwählung, die souveräne Erwählung, ist ein unerschütterlicher Fels, auf dem wir stehen und so vor allem Schaden sicher sind. Der Erwählte kann nie mehr zugrunde gehen. »Doch der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt, die sein sind; und: Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit!« (2. Tim. 2, 19). Gott wird das Werk der Gnade in den Herzen der Seinen bis zum Ende erhalten.
Wir können diese Besprechung nicht besser schließen als mit den Worten, die Paulus beim Abschluß seiner Besprechung dieser Wahrheit gebraucht und die sich in Römer 11, 33–36 finden:
»O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen? Oder wer hat ihm vorher gegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge! Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.«
1) gemeint sind die Vereinigten Staaten von Amerika