Die Fünf Punkte des Calvinismus
von Prof. Homer C. Hoeksema
Herman Hanko, Homer Hoeksema, Gise J. Van Baren: Die Fünf Punkte des Calvinismus. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Carsten Linke. © 2000 Carsten Linke. Alle Rechte vorbehalten. Titel der Originalausgabe: The Five Points of Calvinism. © 1976 Reformed Free Publishing Association, Grand Rapids, Michigan (heute in Grandville, Michigan).
Wenn Sie heutzutage den Begriff »begrenzte Versöhnung« hören, werden Sie sofort an die Diskussion oder eher Kontroverse denken, die in der reformierten Öffentlichkeit um genau dieses Thema kreist. Und wenn Sie erwarten, daß ich in diesem Kapitel über Angelegenheiten sprechen werde, die mit dem zusammenhängen, was allgemein als der »Fall Dekker« bekannt ist, dann liegen Sie richtig.1
Ich möchte aber in diesem Zusammenhang folgendes klarstellen:
Erstens habe ich absolut kein Interesse daran und auch nicht die Absicht, Personen anzugreifen oder irgend jemandes Kirche schlechtzumachen oder über sie herzuziehen, wie diese Kirche auch immer heißen mag, oder mich hämisch an irgend jemandes kirchlichen Problemen zu weiden. Ich will nichts dergleichen. Die Sache der Kirche und die Sache der Wahrheit unseres reformierten Erbes sind dafür viel zu ernst. Möge das allen klar sein.
Zweitens bin ich im Gegenteil einzig und allein an der Wahrheit und der Ausbreitung des Evangeliums interessiert, und ich wende mich auf eben dieser Grundlage an Sie, meine Leser. Ich erwarte, daß Sie sich für das gleiche interessieren. Und lassen Sie mich gleich hinzufügen, daß die Wahrheit des Evangeliums und der reformierte Glaube für mich gleichbedeutend sind.
Drittens lautet daher die einzige Frage: Was sagen unsere reformierten Bekenntnisschriften zu dieser Lehre aus, und was die Heilige Schrift, auf die sich unsere reformierten Bekenntnisschriften gründen? Das ist das einzige Thema. Es geht weder um theologische Meinungen, noch darum, was populär ist – denn die reformierte Wahrheit ist heutzutage gewiß nicht sonderlich populär. Auch geht es nicht darum, was für die Predigt oder die Missionierung scheinbar nützlich ist oder vielleicht schädlich sein könnte. Es geht nicht darum, was wir gerne dächten. Denn die Frage ist für reformierte Gläubige zuallererst: Was sagen unsere Bekenntnisschriften – von denen wir übereinstimmend sagen, daß sie verbindlich sind, und die jeder reformierte Amtsträger unterschreiben muß –, was sagen diese Bekenntnisschriften aus? Dahinein müssen wir uns, so wir reformiert sind, fügen. Und wenn wir das nicht tun, dann sollten wir ehrlich genug sein zu sagen: »Ich will nicht reformiert sein.« Und letzten Endes ist es natürlich eine Frage der Heiligen Schrift. Vor der Heiligen Schrift, was auch immer sie sagt, haben Sie und ich keine andere Wahl, als uns zu beugen.
Viertens beabsichtige ich nicht, dieses Thema negativ zu entfalten. Ich mag nicht negativ sein. Ich möchte – soweit es im Rahmen dieses einen Kapitels möglich ist – die reformierte und biblische Wahrheit bezüglich der Versöhnung positiv entfalten, um dann die negativen Auswirkungen hinsichtlich verschiedener Abweichungen von dieser Wahrheit andeuten zu können.
Fünftens hoffe ich, daß Sie einsehen werden, daß ich mich auf den Versuch beschränken muß, die hauptsächlichen Merkmale und Auswirkungen dieser sehr reichhaltigen Wahrheit anzudeuten. Zweifellos könnte man diesem einen Thema mühelos viele Kapitel widmen, und das wäre auch durchaus lohnend. Doch das ist hier nicht unser Ziel; es ist nicht unser Ziel, in alle Details dieses Themas einzudringen. Wir sind vielmehr an den Hauptmerkmalen dieses sogenannten Dritten Punktes des Calvinismus interessiert. Diese Merkmale möchte ich also umreißen, wobei ich davon ausgehe, daß Sie bereits den Ausführungen meines Kollegen Professor Hanko in den beiden vorangegangenen Kapiteln gefolgt sind, und ich ebenso erwarte, daß Sie die weiteren Auswirkungen dieser Lehre von der Versöhnung beachten werden, wie sie von Pastor Van Baren im vierten und fünften Kapitel dieses Buches erläutert werden.
Um die Einführung abzuschließen: Ich hatte beabsichtigt, einen ganzen Punkt dieses Vortrags der Bedeutung dieser Wahrheit von der begrenzten Versöhnung im Verhältnis zu allen Fünf Punkten des Calvinismus und zur ganzen Wahrheit der Erlösung aus Gnade zu widmen. Doch dadurch wäre dieses Kapitel übermäßig lang geworden. Ich möchte aber im Rahmen dieser Einführung zuerst darauf hinweisen, daß mit der Wahrheit von der begrenzten Versöhnung die Lehre von der souveränen Erwählung (oder vielmehr der souveränen Vorherbestimmung mit den beiden Seiten Erwählung und Verwerfung) in den Mittelpunkt rückt. Das Kreuz ist die objektive Verwirklichung und Offenbarung von Gottes Vorherbestimmung. Diese Offenbarung von Gottes souveräner Vorherbestimmung im Kreuz wird vor dem Hintergrund der Wirklichkeit der völligen Verderbtheit des Menschen gezeichnet, des völlig und hoffnungslos verlorenen natürlichen Zustandes des Menschen. Andererseits ist das Kreuz der Brennpunkt der ganzen Wahrheit von der Erlösung aus Gnade, soweit es die unwiderstehliche Berufung und die Erhaltung und Verherrlichung der Heiligen betrifft – von dem Standpunkt aus, daß sich im Kreuz und der Versöhnung unseres Herrn Jesus Christus zentral und objektiv die ganze Erlösung des Volkes Gottes, so wie sie sich in ihren Herzen und ihrem Leben vollzieht, konzentriert. In der Versöhnung haben wir die Versicherung, die absolut gewisse Versicherung der Berufung und Erhaltung und endlich der Verherrlichung des Volkes Gottes. Die Erlösung aus souveräner Gnade ist ein abgeschlossenes System – jedem Werk und jeder Prahlerei des Menschen verschlossen. Sie ist von Anfang bis Ende allein das Werk Gottes. Es ist die Erkenntnis dieser Tatsache, die in Römer 8, 29. 30 mit den bekannten Worten geschildert wird: »Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und die er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.« Was nach Gottes Ratschluß in Ewigkeit festgelegt und abgeschlossen war, vor Grundlegung der Welt, wird in der Zeit verwirklicht und offenbart.
Nach diesen einleitenden Bemerkungen kehren wir nun zu unserem eigentlichen Thema zurück: der begrenzten Versöhnung. Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit für drei Aspekte dieses Themas:
Ich möchte gleich am Anfang darauf hinweisen, daß ich beabsichtige, in Ablauf und Aussage dem zweiten Lehrstück der Dordrechter Lehrsätze zu folgen. Es wird daher hilfreich sein, die entsprechenden Artikel zu konsultieren.
Zuallererst sollten wir beachten, daß unser Thema mit dem Leiden und Tod unseres Herrn Jesus Christus zu tun hat. Das mag nach einer Binsenweisheit klingen. Und doch liegt darin eine zweifache Bedeutung: Erstens heißt es, daß wir uns bei allem, was wir über die Versöhnung sagen, mit einer historischen Tatsache befassen, mit etwas, das objektive Wirklichkeit ist. Wir erörtern nichts, was noch vollbracht oder vollendet werden müßte, sondern was vor über eintausendneunhundert Jahren vollbracht worden ist. Was auch immer zu dieser Versöhnung gehört, ist vollbracht. Es ist Vergangenheit. Es ist eine vollendete Tatsache. Wir müssen hier unterscheiden zwischen dem Werk Christi für uns, wie es am Kreuz vollbracht worden ist, und dem Werk Christi in uns, bei dem es darum geht, in den Herzen und im Leben des Volkes Gottes das zu verwirklichen, was am Kreuz objektiv vollendet worden ist. Diese Verwirklichung und Anwendung der Wohltaten der Erlösung im Leben des Volkes Gottes gehört in diesem Kapitel nicht zu unserem Thema. Zweitens ist dieser Punkt wichtig, weil die Frage nicht einfach lautet, ob Christus gelitten hat und gestorben ist. Die Frage ist vielmehr: Worin liegt der Sinn, die Bedeutung dieses Todes Christi? Daß Christus gestorben ist, ist eine Tatsache, und die gesamte Christenheit erkennt diese Tatsache des Todes Christi an, ungeachtet der Bedeutung, die sie ihm beimißt. Doch im Laufe der Kirchengeschichte hat es unterschiedliche Antworten auf die Frage gegeben, was denn mit dem Leiden und Tod Christi vollbracht worden sei. Einige sagen, es wäre nur ein Vorbild gewesen. Andere meinen – das ist die Regierungstheorie – es wäre eine Demonstration von Gottes gerechter Regierung des Universums gewesen, dazu bestimmt, den Menschen zur Buße zu bringen und so zu erretten. Wir aber sagen auf der Grundlage der Heiligen Schrift: Der Tod Christi war Versöhnung, das heißt Bezahlung von Sünden und Erwerb der Gerechtigkeit und des ewigen Lebens. Mehr noch: Wir sagen, daß es stellvertretende Versöhnung war. Sie war Ersatz. Christus büßte nicht für sich selbst, sondern als Ersatz für andere (wer auch immer diese anderen sein mögen). Christus war ein Ersatz für andere. Und außerdem behauptet der reformierte Glaube auf der Grundlage der Heiligen Schrift, daß der Tod Christi eine begrenzte stellvertretende Versöhnung war. Das heißt, Christus büßte als Ersatz nicht für alle und jeden Menschen, sondern allein für sein auserwähltes Volk.
Lassen Sie mich zum zweiten die Begriffe klären.
Die Wörter »begrenzt« und »Versöhnung« sind dogmatische Begriffe, die im Wortschatz der Kirche gewachsen sind und mit denen ein absolut bibel- und bekenntnistreues Konzept beschrieben wird. Das Wort »Versöhnung« deckt solche Begriffe aus den Bekenntnissen ab wie »Erlösung«, »erlösen«, »erwerben«, »bezahlen«, »Sühnung« usw. Und es umfaßt biblische Begriffe wie »Sühne«, »Lösegeld«, »Einlösung«, »Erwerb« usw. Es betrachtet all diese verschiedenen biblischen und Bekenntnisbegriffe von einem grundsätzlichen Standpunkt aus, der, soweit es den Begriff betrifft, eng mit dem Gedanken der Sühne verwandt ist. Versöhnung bezieht sich auf die Tatsache, daß Gott durch den Tod Christi Sühne bewirkt hat.
Auch das Wort »begrenzt« wird dogmatisch gebraucht, um eine durch und durch bibel- und bekenntnistreue Wahrheit zu beschrieben. Der Begriff ist kritisiert worden, weil er auf einen Mangel, ein Defizit, eine Einschränkung im Tode Christi hinweise. Ersatzbegriffe sind vorgeschlagen worden, die vielleicht besser passen, wie etwa die Wörter »bestimmt« oder »besonders«. Vom praktischen Gesichtspunkt aus heißt das nicht viel. Für unsere Zwecke ist der Begriff sehr deutlich. Man meint damit – und richtet sich dabei an jeden, der das Wort hört –, daß Christus für die Erwählten, und für sie allein, gestorben ist und gebüßt hat.
Drittens möchte ich das Thema historisch klären.
Die Lehre von der begrenzten Versöhnung ist die reformierte Doktrin vom Tod Christi und der Erlösung des Menschen durch denselben (wie es in der Überschrift zum zweiten Lehrstück der Dordrechter Lehrsätze heißt), die als Entgegnung auf die arminianische Ketzerei von der allgemeinen oder allumfassenden Versöhnung aufgestellt wurde. Der zweite Artikel der arminianischen Remonstranz lehrt das folgende:
»Daß demzufolge [d. h. nach der arminianischen Lehre von der Erwählung aus dem ersten Artikel] Jesus Christus, der Erlöser der Welt, für alle und jeden Menschen gestorben ist, so daß er ihnen allen durch seinen Tod am Kreuz Versöhnung und Vergebung der Sünden erworben hat; daß aber niemand diese Vergebung der Sünden genießen kann außer den Gläubigen, nach dem Wort des Evangeliums des Johannes 3, 16: ›Denn so hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.‹ Und im ersten Johannesbrief 2, 2: ›Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.‹«
Die Arminianer lehren also erstens, daß die Versöhnung Christi für jeden einzelnen Menschen gelte, so daß Christus allen Menschen Versöhnung und Vergebung der Sünden erworben habe, und zweitens, daß diese Versöhnung aber nur in den Gläubigen wirksam sei. Obwohl Christus also allen Menschen Versöhnung und Vergebung der Sünden erworben habe, werde diese Versöhnung und Vergebung der Sünden nicht allen zuteil, sondern nur den Gläubigen. Die Arminianer lehren damit eine allgemeine Versöhnung, deren Nutzen und Wirksamkeit vom Glauben abhängt. Sie lehren eine allumfassende Versöhnung, aber keine allumfassende Erlösung. Und wie wir noch sehen werden, leugnen sie in Wirklichkeit den ganzen Gedanken der Versöhnung. Es ist weiterhin sehr wichtig, die von ihnen angeführten Bibelstellen zu beachten. Durch das Zitieren dieser Stellen verfallen sie dem allgemeinen arminianischen Irrtum, den biblischen Begriff »Welt« gleichzusetzen mit »jeder einzelne Mensch«.
Dieser arminianischen Doktrin steht im zweiten Lehrstück der Dordrechter Lehrsätze die reformierte Doktrin gegenüber.
Wenn man sich darauf besinnt, wird die ganze Frage der Versöhnung, so wie sie zur Zeit diskutiert wird, sehr einfach. Es ist einfach buchstäblich arminianisch zu lehren, Christus sei für alle Menschen gestorben. Das ist die wörtliche Lehre der Arminianer. Und es ist genau diese Lehre, der mit der positiven Wahrheit im ersten Abschnitt des zweiten Lehrstücks ausdrücklich widersprochen und die im zweiten Abschnitt, der Verwerfung der Irrtümer, rundheraus verworfen wird. Es ist wichtig, daß wir uns in dieser Hinsicht orientieren und nicht anfangen, uns vorzustellen, daß es vielleicht möglich wäre, diesen arminianischen Gedanken irgendwie in unserem reformierten Bekenntnis unterzubringen. Dieser Versuch ist gemacht worden. Es wurde versucht, die Bekenntnisschriften, und insbesondere die Dordrechter Lehrsätze, dahin zu bringen, daß sie die Lehre von einer allumfassenden Versöhnung stützen. Das wäre aber nichts anderes als ein Schlag ins Gesicht der Bekenntnisschriften. Das zweite Lehrstück wäre nie geschrieben worden, wenn nicht die arminianische Lehre von einer allumfassenden Versöhnung aufgekommen wäre. Es wäre nicht nötig gewesen. Es wäre daher absolut irrig, die Lehre von einer allumfassenden Versöhnung im Namen des reformierten Glaubens aufrechterhalten zu wollen!
Der Inhalt der Dordrechter Lehrsätze, zweites Lehrstück, zeigt auf, was ich soeben über den geschichtlichen Hintergrund und die grundsätzliche Position des reformierten Glaubens gegenüber der arminianischen Ketzerei sagte.
Betrachten wir nun die einzelnen Bestandteile der Versöhnung, wie sie in unseren Bekenntnisschriften dargelegt sind.
Als erstes möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf das Schlüsselelement »Genugtuung« lenken. Dies ist ein Schlüsselbegriff in all unseren Bekenntnisschriften, und besonders in den Dordrechter Lehrsätzen. Im Heidelberger Katechismus wird dieser Begriff wiederholt betont. Und auch das zweite Lehrstück der Dordrechter Lehrsätze beginnt mit dem Gedanken der Genugtuung. Der Schluß von Artikel 1 erwähnt ihn bereits: »… wenn nicht der Gerechtigkeit Gottes Genüge geschieht.«
Versöhnung ist in diesem Zusammenhang eine Sache strengster Gerechtigkeit. Es gibt keine Gnade, keine Barmherzigkeit, keinen Segen außer im Rahmen der Gerechtigkeit Gottes. Gott segnet die Gerechten, die Bösen aber verflucht und bestraft er zeitlich und ewig. Das ist der erste Grundsatz des Gedankens der Versöhnung. Artikel 1 lautet:
»Gott ist nicht nur im höchsten Grade barmherzig, sondern auch im höchsten Grade gerecht. Es fordert aber seine Gerechtigkeit (wie sie sich im Worte offenbart hat), daß unsre Sünden, die gegen seine unendliche Majestät begangen sind, nicht nur mit zeitlichen, sondern auch mit ewigen, sowohl geistigen als körperlichen Strafen bestraft werden. Diesen Strafen können wir nicht entfliehen, wenn nicht der Gerechtigkeit Gottes Genüge geschieht«
In bezug auf die Gerechtigkeit Gottes ist Sünde daher Schuld. Sie unterliegt der Bestrafung. Und dieser Strafe kann man gemäß der Gerechtigkeit Gottes nicht entfliehen, und der Mensch kann nicht in Gottes Gunst wiederhergestellt werden, wenn nicht der Gerechtigkeit Gottes Genüge geschieht. Nicht dem Teufel muß Genüge getan werden, sondern der Gerechtigkeit Gottes. Genugtuung heißt hier ganz einfach, eine bestimmte Schuld zu bezahlen, entsprechend der Forderung der Gerechtigkeit. Wenn zwischen Menschen solch eine Bezahlung geschieht – sagen wir, einer Schuld von 1 000 Dollar –, dann ist die Schuld, sobald ihr Genüge geschehen ist, beglichen. Sie ist getilgt. Sie existiert nicht mehr. Das ist Genugtuung, und das ist die Wirkung der Genugtuung. Wenn also die Sündenschuld irgendeines Menschen bezahlt wird, dann ist die Sündenschuld dieses Menschen verschwunden. Sie existiert nicht mehr. Von dem Augenblick an, in dem ihr Genüge getan wird, ist die Schuld für immer beglichen. Sie ist wirklich für immer vor den Schranken von Gottes Gericht getilgt. Das heißt, daß Gott um seiner Gerechtigkeit willen die Schuld nicht länger gegen einen Menschen aufrechterhalten kann, für dessen Schuld Genugtuung geleistet wurde. Wir sind noch nicht bei der Frage angelangt, für wen solche Genugtuung geleistet wurde – dazu kommen wir später. Doch wer auch immer der Mensch sein mag, für den Genugtuung geleistet wurde, dessen Schuld ist für immer vor Gott getilgt. Wenn diese Genugtuung alle Menschen umfaßte, so wäre die Schuld aller Menschen beglichen. Aber wer auch immer von dieser Genugtuung erfaßt ist, dessen Schuld ist beglichen. Das bedeutet Genugtuung. Dieses Schlüsselelement der Versöhnung kann nicht oft genug betont werden. Es kann mit Sicherheit gesagt werden, daß der ganze biblische und bekenntnismäßige Begriff der Versöhnung mit diesem grundlegenden Bestandteil steht und fällt.
Drittens müssen wir uns in diesem Zusammenhang darauf besinnen, daß wir selbst diese Genugtuung nicht leisten können. Es ist nicht nötig, daß ich im Detail auf dieses Thema eingehe. Es ist ganz einfach die Konsequenz des von Natur hoffnungslos verlorenen Zustandes des Sünders. Es ist die Konsequenz der Lehre von der völligen Verderbtheit. Wir können diese Genugtuung nicht leisten. Im Gegenteil können wir unsere Schuld nur vergrößern. Solche Genugtuung kann nur durch das freiwillige, liebevolle, gehorsame Ertragen der Strafe, Ertragen des Todes, Ertragen aller Qualen der ewigen Hölle bis zum bitteren Ende geleistet werden. Wenn diese Last des Zornes Gottes ertragen ist, wenn alle Kelche des Zornes Gottes über den Menschen ausgeschüttet sind und er sie freiwillig, aus Liebe, um der Liebe und Gerechtigkeit Gottes willen ertragen hat – dann ist Genugtuung geleistet. Und wenn Versöhnung geleistet wird, wird genau das vollbracht. Um diese Versöhnung durch Genugtuung für Menschen zu vollbringen, die diese Genugtuung selbst nicht leisten können, sandte Gott seinen eingeborenen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches.
Das ist Genugtuung.
So lehren es unsere Dordrechter Lehrsätze. In den ersten Artikeln des zweiten Lehrstücks kommt der Gedanke der Genugtuung immer wieder vor. Außerdem wird sich jeder, der mit dem Heidelberger Katechismus vertraut ist, daran erinnern, wie sehr der Katechismus den Gedanken der Genugtuung betont. Das Niederländische Glaubensbekenntnis hebt diesen Gedanken ebenfalls hervor (Artikel 20 und 21).
Diese Lehre unserer Bekenntnisschriften ist auch die Lehre der Heiligen Schrift. »Genugtuung« ist zwar kein biblischer Begriff. Doch sie ist der Schlüsselgedanke in allen biblischen Begriffen, die die Bedeutung des Todes Christi erläutern. Das gilt für einen Begriff wie »Sühneort« in Römer 3, 25: »Ihn hat Gott dargestellt zu einem Sühneort durch den Glauben an sein Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden …« Der grundlegende Gedanke des Sühneorts ist Genugtuung. Das gleiche gilt für einen biblischen Begriff wie »Lösegeld«. Genugtuung ist der grundlegende Gedanke des Lösegeldes. Wenn die Heilige Schrift in Matthäus 20, 28 davon spricht, daß »der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele«, so steht dahinter der Gedanke, daß er Genugtuung leistet. Er leistet der gerechten Forderung dessen, der das Lösegeld festgesetzt hat, Genüge. Das gleiche gilt für »Versöhnung«: »… daß Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnt hat, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete …« (2. Kor. 5, 19). Wie ist das möglich? Wie ist es möglich, daß Gott die Welt mit sich selbst versöhnt und ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnet? Wie ist das im Licht der Gerechtigkeit Gottes möglich? Allein auf der Grundlage, daß die Forderung der Gerechtigkeit Gottes vollständig erfüllt wird. Genugtuung! Und so steckt auch in allen anderen biblischen Begriffen zur Versöhnung im Kern der gleiche Gedanke der Genugtuung.
Das zweite Schlüsselelement der Versöhnung ist das der Vertretung. Die Notwendigkeit dieser Vertretung begründet sich aus der Tatsache, daß wir selbst unfähig sind, Genüge zu leisten. Das liegt an unserer völligen Verderbtheit. Sie ist der historische Grund für die Notwendigkeit der Versöhnung. Wir sind hoffnungslos verloren. Wir könnten uns niemals selbst erlösen. Deshalb war ein echter Ersatz nötig. Dieser Gedanke wird sehr klar in den Dordrechter Lehrsätzen II, 2 dargelegt:
»Da wir aber nicht selbst Genüge leisten und uns vom Zorne Gottes befreien können, so hat Gott aus unendlicher Barmherzigkeit uns seinen eingebornen Sohn zum Bürgen gegeben, der, damit er für uns Genüge leistete, für uns oder an unser Statt zur Sünde und zum Fluche am Kreuze geworden ist.«
Das ist die Lehre der indirekten oder stellvertretenden Versöhnung. Man kann es nicht klarer ausdrücken, als die Dordrechter Lehrsätze es tun. Man kann diese Sprache nicht verbessern. Sie ist sehr deutlich. Unser Herr Jesus Christus stand an der Stelle derjenigen, für die er starb. Vor den Schranken von Gottes Gericht vertrat er Menschen. Er war im rechtlichen Sinn ihr Stellvertreter.
Beachten Sie wiederum, daß dies ein sehr genaues Verhältnis ist. Legen Sie nun die beiden Gedanken, den der Genugtuung und den der Stellvertretung, zusammen. Was ist das Ergebnis? Das Ergebnis ist sehr genau. Wenn zum Beispiel ein Mensch unter eintausend anderen bei der Old Kent Bank die Hypotheken dieser eintausend anderen Leute tilgt, dann verhält es sich so, daß die Schuld genau dieser eintausend Leute getilgt ist, aber nicht die Schuld eines jeden Hypothekenschuldners bei der Old Kent Bank. Das ist hier die Genauigkeit. Genauso ist es mit dem Kreuz, mit der Versöhnung Christi. Wer auch immer in Christus ist, wer auch immer von ihm am Kreuz vertreten war, an wessen Stelle auch immer er vor den Schranken von Gottes Gericht stand und Genüge leistete, dessen Schuld ist getilgt. Wenn alle Menschen in Christus wären, dann wäre die Schuld aller Menschen für immer beglichen. Wer auch immer von ihm vertreten war, dessen Schuld ist vollständig beglichen. Gott kann und wird in seinem Gericht diese Schuld nicht länger gegen ihn aufrechterhalten.
Das ist der Gedanke der stellvertretenden Versöhnung.
Das ist nicht einfach eine Doktrin unserer Bekenntnisschriften, sondern es ist die Lehre der Heiligen Schrift selbst. Die Heilige Schrift lehrt diesen Gedanken der Stellvertretung auf mehrere Arten. Es gibt aber besonders zwei Begriffe im Neuen Testament, die diese Idee der Stellvertretung ausdrücken. Diese Begriffe werden in deutschen Bibeln gewöhnlich mit dem Wort »für« übersetzt. Eines davon bedeutet wörtlich: »anstelle von«. Sie finden es in Matthäus 20, 28: »… gleichwie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele [oder: anstelle von vielen].« Der andere Begriff bedeutet im Prinzip das gleiche. Es ist der Ausdruck »für jemandem« oder »in jemandes Namen, um jemandes willen«. Doch der Gedanke »für jemandem« ist nur möglich, weil Christus anstatt derer oder anstelle derer Genüge leistete, für die er starb. Beachten Sie, wie schön dies im letzten Teil der Dordrechter Lehrsätze II, 2 formuliert ist: »… der, damit er für uns Genüge leistete, für uns oder an unser Statt zur Sünde und zum Fluche am Kreuze geworden ist.« Den zweiten Begriff finden Sie beispielsweise in 2. Korinther 5, 21: »Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns [oder: um unsertwillen] zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.« Das sind nur zwei Stellen von vielen in der Heiligen Schrift, in denen der Gedanke der Stellvertretung auftaucht.
Das dritte Element der Versöhnung ist ihr unendlicher Wert. Ich möchte Sie gleich warnen, daß dieser unendliche Wert nicht im Sinne von endlichen Zahlen verstanden werden darf. Es ist keine Frage der Quantität, sondern der Qualität, des innewohnenden Wertes.
Die Wahrheit vom unendlichen Wert der Versöhnung beantwortet die folgenden Fragen: Wie kann der Tod eines Einzelnen viele Sünder einschließen? Wie ist es möglich, daß Christus nicht als einer für einen sühnte, sondern für viele? Oder auch: Wie kann die Sünde, die gegen die unendliche Majestät Gottes begangen wird, unendlichen göttlichen Zorn hervorruft und ewige Strafen verdient – wie kann diese Sünde in einem einzigen Augenblick durch das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus gesühnt werden? All der unendliche Zorn Gottes konzentrierte sich schließlich in dem Augenblick, als Jesus den Schrei aus seiner Seele hervorgepreßte: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«2 Und jener unendliche Wert beantwortet auch die Frage: Wie konnten wir aus unserem völlig verlorenen Zustand wieder erhoben werden, nicht einfach zurück in den Stand Adams im Paradies, sondern derart, daß wir mit ewiger Gerechtigkeit versehen werden, die wir nie mehr verlieren? Wie konnten wir mit dem Anrecht auf das ewige Leben versehen werden?
Die Antwort lautet: Es war der Sohn Gottes, der ewige und unendliche Gott selbst, in der Gestalt des sündigen Fleisches, doch als ein wirklicher und wahrhaft gerechter und heiliger Mensch, der diese Genugtuung leistete.
Das ist auch der Grundgedanke hinter dem zuweilen umstrittenen Ausdruck in den Dordrechter Lehrsätzen II, 3: »… überflüssig genügend, die Sünden der ganzen Welt zu sühnen.« Dies kann, wie Sie wissen, nicht heißen, daß Christus beabsichtigte, für die ganze Welt – also für alle Menschen – zu sterben. Das wäre die arminianische Lehre. Gerade diese war es aber, die die Väter im zweiten Lehrstück bekämpften. So ist der Artikel also keineswegs gemeint. Er sagt auch nicht, daß Christus für die ganze Welt sühnte. Der Gedanke ist vielmehr, daß der Tod Christi als solcher so kostbar ist, daß er für die ganze Welt genügen würde. Hätte Gott die gesamte Welt retten wollen, Haupt für Haupt und Seele für Seele, hätte er kein anderes Opfer benötigt. Wie es einer der Theologen von Dordrecht in seiner Einschätzung der Synode schrieb: Der Tod Christi war als solcher genügend für die ganze Welt und für tausend weitere Welten wie diese! Der Tod des Sohnes Gottes ist von unendlichem innerlichen Wert.
Schließlich gibt es noch das Element der Wirksamkeit der Versöhnung. Die Versöhnung ist wirksam. Eigentlich ist das kein gesonderter Bestandteil der Versöhnung. Der Begriff »wirksam« betont einfach nur die Realität, die Wirklichkeit, die vollendete Tatsache der obengenannten Elemente. Davon spricht Artikel 8 des zweiten Lehrstücks. Lassen Sie mich diesen Artikel gleich zitieren:
»Dies war nämlich ein völlig freier Entschluß Gottes, des Vaters, und sein gnadenvoller Wille und Zweck, daß die belebende und beseligende Kraft des kostbaren Todes seines Sohnes sich an allen Erwählten zeige, um sie allein mit dem rechtfertigenden Glauben zu beschenken und durch ihn untrüglich zur Seligkeit zu führen; das ist, Gott wollte, daß Christus durch das Blut des Kreuzes (mit dem er den neuen Bund besiegelte) aus allen Völkern, Stämmen, Geschlechtern und Zungen diejenigen alle und allein, welche von Ewigkeit zur Seligkeit erwählt und ihm vom Vater gegeben sind, kräftiglich erlöse, mit dem Glauben (den er ihnen, wie andere heilbringende Gaben des Heiligen Geistes, durch seinen Tod erwarb) beschenke, sie von allen Sünden, sowohl von der Erbsünde als von wirklich begangenen Sünden, sowohl nach als vor dem Glauben, durch sein Blut reinige, bis zum Ende treu bewache und endlich frei von allem Flecken und Fehle herrlich vor ihn stelle.«
Das Hauptthema dieses Artikels ist nicht die wirksame Gnade oder die wirksame Berufung; diese sind Thema in Lehrstück III/IV, welches die unwiderstehliche, oder wirksame, Gnade lehrt. Das Hauptthema hier ist die Wirksamkeit, die Macht, etwas zu vollbringen, die dem Tode Christi innewohnt. Eine solche Wirksamkeit wohnt der Versöhnung inne. Soweit es die Bedeutung betrifft, braucht man, wenn man zur Versöhnung die Elemente Genugtuung, Stellvertretung und unendlicher Wert hinzufügt, nicht noch zusätzlich von Wirksamkeit zu sprechen. Die drei anderen Bestandteile bedeuten Wirksamkeit. Weil aber die Arminianer ebenfalls von Versöhnung, Genugtuung und Stellvertretung redeten, aber mit ihrer Lehre etwas meinten, das nicht wirksam ist, daß nicht wirklich etwas vollbringt, waren die reformierten Väter genötigt zu sagen: »Ja, aber der Tod Christi ist wirksam.« Mit diesem Begriff verhält es sich wie mit dem der »völligen Verderbtheit«. Verderbtheit ist immer völlig. Es gibt keinen halb verderbten Menschen. Doch aufgrund der Tatsache, daß einige von einer »teilweisen Verderbtheit« zu sprechen versuchten, sah sich das reformierte Volk gezwungen, das Wort »völlig« hinzuzusetzen. So ist es auch mit der wirksamen Versöhnung. Eine nicht wirksame Versöhnung ist kaum vorstellbar. Das wäre ein Widerspruch in sich. Eine nicht wirksame Versöhnung wäre eine Versöhnung, die nicht sühnte, die nichts vollbrächte. Die Versöhnung aber – das ist die Vorstellung von der wirksamen Versöhnung – sühnte wirklich! Sie leistete wirklich Genüge für alle, die in Christus waren, für alle, an derer Statt Christus stand. Beachten Sie, daß wirksame Versöhnung nicht heißt, daß Christus mit seinem Tod für all jene Genüge leistete, die erst jetzt und bewußt durch den Glauben zu Christus gelangen. Christus starb und sühnte für alle, die in ihm waren, als er vor über tausendneunhundert Jahren starb. Deren Schuld ist für immer getilgt. Gerechtigkeit und ewiges Leben kann ihnen niemals mehr versagt werden. Ihr Anrecht auf alle Segnungen der Erlösung ist dort am Kreuz für immer begründet worden.
Beachten Sie im Zusammenhang mit dieser Lehre von der wirksamen Erlösung, wie unsere Väter in Artikel 8 des zweiten Lehrstücks das entscheidende Element im wirksamen Tod Christi betonten, die Wirksamkeit, die Kraft des Todes Christi. Sie betonen es zweifach. Es ist so, daß Christus seinem Volk den Glauben erwarb. Glauben! Versöhnung heißt nicht, daß Christus Gerechtigkeit und ewiges Leben und alle Segnungen der Erlösung erkauft hat, und daß er nun im Evangelium sagt: »Da hast du die Erlösung, aber es liegt an dir zu glauben.« Das heißt es nicht. Christus hat den Glauben erworben. Er garantierte durch diesen Erwerb des Glaubens, daß alle, für die er starb, auch glauben und persönlich und bewußt an allen Wohltaten der Erlösung, die dem Tod Christi innewohnen, festhalten werden.
Die gegenwärtige, persönliche Anwendung aller Segnungen der Erlösung (die Gottes Wille, sein souveräner Wille war), durch welche ich und das ganze Volk Gottes in den tatsächlichen, bewußten Besitz der Erlösung kommen, rührt darum nach Artikel 8 her von, gründet sich auf und wird garantiert durch die Versöhnung. Alle diese Segnungen sind einmal und für alle Zeiten wirklich am Kreuz erkauft, verdient, erworben worden, und sie gehören Christus und allen, die in Christus am Kreuz waren. Alle Heiligen, die schon vorher gestorben waren, die Heiligen des Alten Bundes: sie waren in Christus am Kreuz. Alle Erwählten, die zur Zeit des irdischen Daseins Christi lebten, mögen sie bewußt Kinder Gottes gewesen sein oder erst noch bekehrt werden müssen: sie waren in Christus am Kreuz. Und all jene aus dem Volk Gottes, die zu jener Zeit erst noch geboren werden sollten oder die heute noch geboren werden müssen: sie waren in Christus am Kreuz. Er stand an ihrer Stelle. Er war ihr Stellvertreter. Und für sie alle erkaufte er auf immer alle Segnungen der Erlösung. Das ist die Lehre von Artikel 8. Achten Sie darauf: »Dies war nämlich ein völlig freier Entschluß Gottes, des Vaters [ist das nicht schön: er rührt von Gott her, von seinem ewigen Urteil], und sein gnadenvoller Wille und Zweck [im Original heißt es: ’und Absicht«], daß die belebende und beseligende Kraft des kostbaren Todes seines Sohnes sich an allen Erwählten zeige, um sie allein mit dem rechtfertigenden Glauben zu beschenken und durch ihn untrüglich zur Seligkeit zu führen; das ist, Gott wollte, daß Christus durch das Blut des Kreuzes [das ist die Versöhnung] (mit dem er den neuen Bund besiegelte) aus allen Völkern, Stämmen, Geschlechtern und Zungen diejenigen alle und allein, welche von Ewigkeit zur Seligkeit erwählt und ihm vom Vater gegeben sind, kräftiglich erlöse [das hat Christus getan, als er starb], mit dem Glauben (den er ihnen, wie andere heilbringende Gaben des Heiligen Geistes, durch seinen Tod erworben hat) beschenke, sie von allen Sünden, sowohl von der Erbsünde als von wirklich begangenen Sünden, sowohl nach als vor dem Glauben, durch sein Blut reinige, bis zum Ende treu bewache und endlich frei von allem Flecken und Fehle herrlich vor ihn stelle« (Anmerkungen und Hervorhebungen von mir – HCH).
Und das ist die wunderbare Wahrheit von der wirksamen Versöhnung, die hier in ihrer Beziehung zur tatsächlichen Anwendung und Verwirklichung der Erlösung bis zum Ende in Herrlichkeit von unseren Vätern dargestellt wird.
Es ist daher nicht überraschend, daß dieser Artikel der Dordrechter Lehrsätze zugleich die begrenzte Versöhnung lehrt. Es ist offensichtlich, was der Artikel lehrt: »… diejenigen alle und allein, welche von Ewigkeit zur Seligkeit erwählt … sind …«.
Daß die Versöhnung begrenzt ist, ist untrennbar mit der Wahrheit verbunden, daß die Versöhnung wirksam ist.
Diese Frage erscheint im Licht dessen, was wir bereits über die Versöhnung gesagt haben, sehr einfach. Wenn Versöhnung Genugtuung im wahren Sinn des Wortes ist, und wenn die Versöhnung stellvertretende Genugtuung im wörtlichen Sinn ist, und wenn die Versöhnung darum wirksam ist, so daß diejenigen, die darin einbezogen sind, ihrer Schuld enthoben sind und ewige Gerechtigkeit und ewiges Leben erworben haben, so daß sie – objektiv ihrer Schuld enthoben, freigekauft und versöhnt – sicher gerettet und wirkliche Besitzer der Erlösung werden – dann, so sage ich, verhält es sich mit der begrenzten Versöhnung sehr einfach. Diejenigen, die in die Versöhnung eingeschlossen waren, sind sicher gerettet. Doch nicht alle Menschen werden gerettet. Folglich waren nicht alle Menschen in die Versöhnung eingeschlossen.
Wer war in die Versöhnung eingeschlossen?
Die Antwort ist, daß Christus allein für die Erwählten starb, das heißt für die, welche Gott von Ewigkeit souverän erwählt und Christus übergeben hat. Gott erwählte die ganze Kirche und jedes einzelne Mitglied dieser Kirche und übergab diese ganze Kirche mit all ihren Mitgliedern Christus. Christus ist ihr stellvertretendes Oberhaupt. Im Gericht Gottes vertritt er sie und nimmt ihren – und nur ihren – Platz am Kreuz ein.
Das ist die Wahrheit von der begrenzten (oder nennen Sie es, wenn Sie wollen, bestimmten, besonderen) Versöhnung. Es ist eine sehr einfache Lehre. Im Kreuz liegt Versöhnung und damit Beseitigung von Schuld und Vergebung von Sünden und Gerechtigkeit und alle Wohltaten der Erlösung und des ewigen Lebens – allein für die Erwählten. Für alle anderen, für die Verworfenen, gibt es an diesem Kreuz nichts Positives, keine Wohltat. Für sie starb Christus nicht, er vertrat sie nicht und nahm nicht ihren Platz ein.
Überdies – und das ist die wunderbare Wahrheit, die wir nicht übersehen sollten – ist diese begrenzte Versöhnung persönlich. Christus starb nicht unbestimmt. Und Christus starb nicht nur für eine gewisse Anzahl von Menschen, so daß er die Erlösung unbestimmt und nur für eine gewisse Anzahl Menschen erworben hätte und es sich erst noch herausstellen müßte, wer diese Menschen seien. Christus starb vielmehr für alle Erwählten und für jeden von ihnen persönlich. Gott hat sie erwählt. Er hat jeden Einzelnen erwählt. Von Ewigkeit ruft er sie beim Namen. Und jeden Erwählten persönlich hat Gott Christus übergeben. Christus kannte sie alle, gerade weil sie ihm von Ewigkeit vom Vater übergeben waren. Und er gab sein Leben für sie, für sie alle, für jeden von ihnen, und für sie allein. Alle Erwählten, und sie allein, waren deshalb vor eintausendneunhundert Jahren wirklich in Christus am Kreuz.
Somit ist das Kreuz die Offenbarung der souveränen Liebe Gottes: »Hierin ist die Liebe: nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden« (1. Joh. 4, 10).
Und so lehren es auch unsere Bekenntnisschriften. Es ist die ausdrückliche Lehre der Dordrechter Lehrsätze II, 8. Dieselbe Wahrheit wurde bereits im Zusammenhang mit der Lehre von der Erwählung in den Dordrechter Lehrsätzen I, 7 gelehrt. Doch diese Lehre wird überall in unseren Bekenntnisschriften gelehrt. Wenn Ihnen der Begriff »uns« im Heidelberger Katechismus und im Niederländischen Glaubensbekenntnis im Zusammenhang mit dem sühnenden Tod unseres Herrn Jesus Christus begegnet, dann vergessen Sie nicht, daß dieses »uns« aus objektiver Sicht nicht alle Menschen, sondern die Erwählten meint. Der Ausdruck kann auf keine andere Weise verstanden werden. Und was in Katechismus und Glaubensbekenntnis in dieser subjektiven Form auftaucht, wird in den Lehrsätzen objektiv als ausschließlich die Erwählten meinend auseinandergesetzt.
Es gibt viele, viele Stellen in der Heiligen Schrift, die diese Wahrheit lehren, entweder direkt oder durch klare Schlußfolgerung aus dem Zusammenhang.
Lassen Sie mich einen Moment auf nur eine schöne Stelle eingehen: Johannes 10, 14. 15. Die korrekte Wiedergabe des Textes lautet: »Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.«
Wer sind die Schafe, von denen es an dieser Stelle heißt, das Christus sein Leben für sie läßt? Es sind die, die der Vater Christus gegeben hat, das heißt die Auserwählten. Das ist die einfache Lehre dieses Kontexts. In Vers 29 liest man auch von diesen Schafen, und dort sagt Jesus: »Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle« (Hervorhebung von mir – HCH). Und dies wird in Vers 26 verstärkt durch einen Gegensatz, als Jesus zu den ungläubigen Juden, die ihm in dieser Hinsicht widersprachen, sagt: »Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen, wie ich euch gesagt habe.« Achten Sie darauf! Der Text lautet: »Ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen.« Sie waren verworfen.
Dadurch wird auch klar, daß der Begriff »Schafe« exklusiv ist. Das Argument ist vorgebracht worden, daß Joh. 10, 14. 15 nicht lehre, daß Jesus nur für seine Schafe sühnte. Doch das ist ein sehr armseliges Argument. Erstens würde der Text, wenn er nicht ausschließlich die Schafe meinte, keinen Sinn machen, wie es die Theologen von Dordrecht im Zusammenhang mit dieser Bibelstelle bereits andeuteten. Warum sollte Jesus sagen, daß er sein Leben für seine Schafe läßt, wenn er letztendlich für alle Menschen gestorben wäre? Und zweitens zeichnet der Kontext einen scharfen Gegensatz zwischen denen, die seine Schafe sind, und denen, die nicht seine Schafe sind. Und dieser Gegensatz hat seinen Ursprung in Gottes vorherbestimmender Absicht.
Doch beachten Sie, daß diese Bibelstelle nicht einfach eine kalte Doktrin von der Erwählung ist. Die warme, lebendige, pulsierende Erkenntnis der göttlichen Liebe von Ewigkeit tritt hier zum Vorschein. »Ich kenne die Meinen …« Christus kannte die ganze Kirche und jedes Mitglied dieser Kirche, als er sein Leben ließ. Denn jene Schafe sind die, die der Vater ihm gegeben hatte. Er kannte sie alle. Adam war in ihm. Abel war in ihm. Noah war in ihm. Abraham und Isaak und Jakob und das ganze Volk Gottes des Alten Bundes: sie alle waren in ihm am Kreuz. Er kannte sie. Er kannte jeden Einzelnen. Er kannte sie in Liebe. Sein ganzes Volk jener Zeit, sein auserwähltes Volk, war ihm gegeben worden, jeder Einzelne, von Ewigkeit. Er kannte sie. Der Apostel Paulus war in ihm. Er war noch nicht bekehrt worden. Doch er war in Christus am Kreuz, weil Gott ihn von Ewigkeit Christus gegeben hatte. Darum konnte der Apostel Paulus später von der persönlichen Seite dieser bestimmten Versöhnung in den bekannten Worten in Galater 2, 20 sprechen: »Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben, und zwar im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.« Er spricht hier von etwas, das sich im Jahre 33 am Kreuz ereignete. Dort hat Christus ihn geliebt und sich für ihn hingegeben. Auch wenn der Apostel Paulus ihn noch nicht kannte, hat Christus ihn geliebt und sich für ihn hingegeben. Das gleiche gilt für uns als Volk Gottes auch heute. Darum können wir in einem persönlichen Glaubensbekenntnis sagen: »Christus ist für mich gestorben.« Das gründet sich auf eine objektive Tatsache. Es wird nicht nur dann wahr, wenn ich in Christus glaube. Nein, es ist von Ewigkeit so, entsprechend dem Ratschluß Gottes. Und so ist es seit Christi Tod am Kreuz immer gewesen. Und aufgrund dieser objektiven Tatsache können Sie und ich, wenn wir zu einem bewußten Glauben – Einheit mit Christus – gekommen sind, auch bekennen: »Christus ist für mich gestorben!«
Das ist, kurz gefaßt, die Wahrheit von der begrenzten, das heißt der bestimmten und persönlichen Versöhnung.
Es gibt natürlich viele andere Stellen in der Heiligen Schrift, die dieselbe Wahrheit deutlich lehren. In der Tat ist es die durchgängige Lehre der Heiligen Schrift. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang einige Stellen aufzählen, die sehr klar lehren, daß Christi Versöhnung bestimmt war, das heißt nur für die Erwählten gilt. Jesaja 53, 10 spricht von bestimmten »Nachkommen«, die Christus sehen wird, wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat. In Johannes 17 finden wir Christi hohepriesterliches Gebet, gesprochen unmittelbar bevor er sein Leben ließ und ein vollkommenes Opfer für die Sünde darbrachte. Der ganze Tenor dieses Gebets ist bestimmt. Als der Hohepriester, unser Herr Jesus Christus, den Weg des Kreuzes ging und sein Leben ließ, sprach er nur für die Seinen dieses Gebet: »Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben … Ich bitte für sie; nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, welche du mir gegeben hast, denn sie sind dein – und alles, was mein ist, ist dein …; und ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie Geheiligte seien durch Wahrheit. Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben … Vater, ich will, daß die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt« (Joh. 17, 6. 9. 10. 19. 20. 24). In der Apostelgeschichte 20, 28 ist es »die Gemeinde Gottes …, die er sich erworben hat durch das Blut seines eigenen Sohnes«. In Römer 8, 32, wo wir lesen, daß Gott »seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat«, meint dieses »uns alle« aus dem Kontext ganz klar die Erwählten. Denn in den darauffolgenden Versen lesen wir: »Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt. Wer ist, der verdamme? Christus Jesus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet.« Und schließlich lesen wir in Epheser 1, 7: »In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade.« Und in welchem Kontext stehen diese Worte? Es ist der Kontext, der ganz klar von Gottes vorherbestimmender Absicht als der Quelle aller Segnungen der Erlösung spricht, einschließlich der »Erlösung durch sein Blut« (Eph. 1, 3–12).
Wir müssen uns in diesem Zusammenhang noch einen weiteren Punkt klarmachen. Wenn die Heilige Schrift im Zusammenhang mit dem sühnenden Tod unseres Herrn Jesus Christus von der »Welt« und »allen Menschen« redet, so lehrt sie nichts (und kann sie auch nicht möglicherweise etwas lehren), was der klaren biblischen Lehre von der begrenzten Versöhnung widerspricht. Alle Stellen zu studieren, in denen diese Begriffe auftauchen, würde zu weit führen. Doch zwei Bemerkungen möchte ich machen. Wenn man diese Stellen, die von der »Welt« und von »allen Menschen« sprechen, so deutet, als meinten sie jeden einzelnen Menschen, und man gleichzeitig der Versöhnung ihre volle Bedeutung von wirklicher Genugtuung für die Sünde und wirklichem Ersatz zuschreibt, dann versucht man zu viel. Denn das führt unweigerlich zu vollwertigem Universalismus, also jener Lehre, nach der alle Menschen gerettet würden. Und wenn man letztere Konsequenz nicht akzeptiert, dann muß man die Konsequenz der Leugnung von Gottes Gerechtigkeit tragen: Denn wenn Christus wirklich für die Sünden der ganzen Welt gesühnt hätte, aber nicht alle Menschen gerettet würden, dann würde Gott nicht gerecht handeln. Und lassen Sie mich ergänzen: Keine der beiden Konsequenzen ist im Licht der Heiligen Schrift vertretbar. Zweitens muß man sich im Licht der Wahrheit der Einheit der Heiligen Schrift klarmachen, daß man alle diese Stellen, die von »Welt« und »alle Menschen« sprechen, im Einklang mit der durchgängigen Lehre der Heiligen Schrift deuten muß, daß Christus nur für die Erwählten gesühnt hat. Wenn man dies nicht tut, muß man mit der Konsequenz leben, daß die Heilige Schrift sich selbst widerspricht, und das ist natürlich unannehmbar.
Immer wieder sind Versuche unternommen worden und werden unternommen, etwas Positives über die Erlösung und die Liebe und das Wohlwollen Gottes hinsichtlich derer zu finden und zu sagen, die nicht in Christus am Kreuz waren, also hinsichtlich der Verworfenen. Das geschieht gewöhnlich nicht – zumindest nicht in reformierten Kreisen –, solange man sich nur im Rahmen des zweiten Lehrstücks des Dordrechter Lehrsätze bewegt, das heißt, solange die Lehre von der Versöhnung als solche im Mittelpunkt steht. Es geschieht vielmehr in der Predigt. Es geschieht im praktischen Rahmen der Predigt des Evangeliums. In der Predigt des Evangeliums ist man bestrebt, allen Menschen etwas Positives zu sagen, etwas positives Gutes in der Versöhnung Christi zu bieten. So entstand auch die ganze Angelegenheit in Professor H. Dekkers Schriften. Sie entsprang der Frage nach der Missionsarbeit, der Frage, was wir bei der Predigt des Evangeliums auf dem Feld der Missionierung sagen sollen. Insofern war Professor Dekker, von einem christlich-reformierten Standpunkt aus gesehen, konsequent: Er erkannte, daß man, wenn man in der Predigt allgemein sein wollte, einen Schritt zurückgehen und auch hinsichtlich des Todes Christi allgemein sein mußte. Das ist konsequent – konsequent falsch! Doch das gleiche Bestreben gibt es in verschiedenen Ausprägungen auch bei anderen. Selbstredend erwartet man solches von allen arminianischen Predigern. Diese glauben an eine allgemeine Versöhnung, und dementsprechend predigen sie. Doch das gleiche Bestreben gibt es auch in der reformierten Gemeinschaft. Einige versuchen, ihr Ziel, in der Predigt allgemein zu sein, dadurch zu erreichen, daß sie das Thema des Todes Christi in ihrer Predigt unbestimmt und vage lassen. Sie sagen einfach: »Christus ist für Sünder gestorben.« Das ist natürlich wahr. Doch wenn das alles ist, was gesagt wird, ist es nur eine halbe Wahrheit. Und eine halbe Wahrheit ist eine Irreführung. Andere wiederum versuchen – und das scheint das Bestreben des Komitees zu sein, das den Fall Dekker untersuchte –, von den »nichterlösenden Wohltaten des Todes Christi« zu sprechen. Und obwohl sie für sich in Anspruch nehmen, die bestimmte Versöhnung zu vertreten, behaupten sie auch, daß jene nicht erlösenden Wohltaten irgendwie vom Tod Christi ausgehen, der nur für die Erwählten gestorben ist. Wie das möglich sein soll, weiß ich nicht. Wenn Christus nur für die Erwählten gestorben ist, dann gibt es in diesem Tod Christi keine möglichen Vorteile für irgend welche anderen als jene, für die er gestorben ist. Das ist klar. Andere sprechen – manchmal selbst, ohne sonderlich zu präzisieren, was sie meinen – von einem allumfassenden Angebot des Evangeliums. Wieder andere sagen – und das las ich in einem Artikel über die Dordrechter Lehrsätze in »The Banner« vom 24. Februar 1967 –, daß wir in der Predigt sagen müßten, daß Christus die Erlösung aller Menschen wünscht, und daß Gott nicht den Tod irgendeines Menschen will, sondern die Erlösung aller.
Sie verstehen, daß hier die Probleme entstanden sind. Sie sind nicht in der Lehre von der begrenzten Versöhnung selbst entstanden. Doch wenn diese Versöhnung in der Predigt wiedergegeben wird, dann plötzlich wird sie auf die eine oder andere Weise allgemein. Und alles das wurzelt im Ersten Punkt von 1924 und seinem allgemeinen, gutgemeinten Angebot des Evangeliums als ein Zeichen der sogenannten allgemeinen Gnade.3 Jeder hat es erkannt, wie es aus der Tatsache deutlich wird, daß bisher niemand etwas zum Fall Dekker geschrieben oder gesagt hat, ohne das Jahr 1924 ins Spiel zu bringen. Das ist es, was Professor Dekker und andere – ich sage wieder: aus ihrer Sicht konsequent – zu der Idee einer allgemeinen Versöhnung brachte. Doch auch jene, die Professor Dekkers Standpunkt kritisiert haben, sind trotzdem nicht bereit gewesen, von ganzem Herzen die Lehre von der begrenzten Versöhnung anzunehmen und sie konsequent zu verfolgen, sondern sie haben es vorgezogen, in ihren Predigten irgendwie an einem allumfassenden und allgemeinen Element festzuhalten.
Wenn man vom Standpunkt der reformierten Lehre von der begrenzten Versöhnung aus auf diesen Versuch schaut, dann erscheint er unmöglich. Das zu predigende Evangelium ist das Evangelium vom Kreuz, das Evangelium von Christus als gekreuzigt. So sagen es unsere Lehrsätze, und so sagt es die Heilige Schrift. Der Apostel Paulus sagt: »Wir predigen Christus als gekreuzigt.«4 Er sagt: »Denn ich nahm mir vor, nichts anderes unter euch zu wissen, als nur Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt.«5 Das heißt im Licht all dessen, was wir gesagt haben, daß Christus als gekreuzigt Christus als gekreuzigt für die Erwählten ist, auch wenn man diese Erwählten in der Predigt beschreibt, ob nun historisch als Gläubige, als reumütig, hungrig und durstig usw. – Christus als gekreuzigt ist Christus als gekreuzigt für die Erwählten! Wenn ich also einfach sage: »Christus ist für Sünder gestorben«, dann sage ich nicht die Wahrheit und verkünde nicht Christus als gekreuzigt. Und ich verkünde gewiß nicht das Evangelium von Christus als gekreuzigt, wenn ich sage: »Christus ist für alle Menschen gestorben.« Und insofern das Kreuz die Offenbarung von Gottes Wunsch, Gottes Absicht, Gottes Willen ist, sage ich nicht die Wahrheit des Evangeliums von Christus als gekreuzigt, wenn ich sage: »Gott will die Erlösung aller Menschen.« Er will sie nicht. Er offenbart am Kreuz ganz klar, daß er beabsichtigte und wollte und bestimmte und in seinem Ratschluß festlegte die Erlösung der Erwählten, und der Erwählten allein.
Oftmals wird dieser Widerspruch zwischen dem Tod Christi allein für die Erwählten und Gottes angeblichem Willen zur Erlösung aller Menschen als ein Geheimnis dargestellt. Doch es ist kein Geheimnis. Wenn man sagt, daß Christus für die Erwählten, und für sie allein, gestorben ist und daß Gott die Erlösung aller Menschen will, so ist das kein Geheimnis, sondern ein glatter Gegensatz. Es ist unmöglich. Es ist unmöglich, weil im Kreuz nichts Positives, kein Vorteil, keine Erlösung, keine Liebe, keine sogenannte nicht erlösende Wohltat – nichts Positives, welcher Art auch immer – für irgend jemanden außer für die Erwählten liegt. Und dieses Kreuz ist die Offenbarung des Willens Gottes von der Erlösung. Etwas anderes zu sagen, den Umfang der Erlösung in der Predigt größer zu machen, als sich sie am Kreuz darstellt, ist eine unausgesprochene Leugnung der besonderen Versöhnung. Das Evangelium ist Gottes frohe Botschaft von seiner Verheißung, den Erben dieser Verheißung, das heißt den Erwählten, ihre Erlösung zu verkünden.
Das ist die positive Seite des Kreuzes und der Versöhnung.
Das läßt aber noch die Tatsache außer acht, daß an jenem Kreuz ein Urteil erging – sowohl Urteil als auch Erlösung. Sowohl Zorn als auch Wohlwollen wurden im Kreuz offenbart und im Evangelium von Christus als gekreuzigt verkündet. Tatsächlich gibt es für die Verworfenen nichts Positives im Kreuz. Doch das heißt nicht, daß das Kreuz für sie keine Bedeutung hat. Gottes Zorn ist am Kreuz ebenso offenbart worden wie Gottes Liebe.
Darum konnte unser Herr Jesus Christus beispielsweise in Johannes 12, 31 mit Blick auf den Tod, den er sterben würde, sagen: »Jetzt ist das Gericht dieser Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden.« Und unser Herr Jesus Christus macht nicht nur wiederholt deutlich, daß er zum Gericht in diese Welt gekommen ist (siehe Stellen wie Joh. 9, 39; Matth. 21, 21–43 usw.), sondern wir müssen uns auch erinnern, daß die erste Ankunft unseres Herrn zum »großen Tag des Herrn« gehört, den die Propheten so oft erwähnen und in dessen Zusammenhang sie auch immer von Gottes Gericht sprechen6. Im gleichen Zusammenhang mögen wir beachten, daß Johannes der Täufer, der Vorbote, von Christus unter dem Gesichtspunkt des Gerichts predigt: Die Axt wird an die Wurzel der Bäume gelegt7! Und der Apostel Paulus verweist in Kolosser 2, 14. 15 ebenfalls auf das Element des Gerichts im Kreuz: »Er hat den Schuldschein gegen uns gelöscht, den in Satzungen bestehenden, der gegen uns war, und ihn auch aus unserer Mitte fortgeschafft, indem er ihn ans Kreuz nagelte; er hat die Gewalten und die Mächte völlig entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt. In ihm hat er den Triumph über sie gehalten.«
Lassen Sie mich diesen Gedanken kurz umreißen.
Am Kreuz fand ein Gerichtsprozeß statt. Es war nicht einfach ein Prozeß von Menschen gegen Jesus. Es war vielmehr ein Prozeß Gottes gegen die Welt. Die Welt außerhalb Christi, die Welt der sündigen Menschen, die Welt in ihrem Zustand von Sünde und Schuld, die Welt der Menschen mit all ihren heutigen Bestands- und Entwicklungsmöglichkeiten, mit all ihrer »Kultur«: diese Welt stand vor Gericht. Die ganze Welt der Menschen, wie sie in Adam von Natur sind, gemeinsam mit dem Fürsten dieser Welt, dem Teufel, und allen gefallenen Engeln, allen Reichen und Mächten; die ganze Welt, unsere Welt (außerhalb Christi), wie sie im Bündnis mit und unter der Sittenherrschaft des Fürsten der Finsternis steht: diese ganze Welt stand vor Gott im Gericht. Gott hatte sie vorgeladen. Er steuerte die Ereignisse rundum das Leiden und Sterben Christi. Christus schritt zum Kreuz – man erinnere sich – nach dem feststehenden Ratschluß und der Voraussicht Gottes, wenn auch durch die Hand der Bösen.
Und die Welt war zugegen. Sie war zugegen in Judas, dem Apostel. Sie war in religiöser Hinsicht zugegen im jüdischen Hohen Rat. Die Welt der Menschen im allgemeinen, die Gesellschaft, war zugegen in der Volksmenge. Die politische Weltmacht, die griechisch-römische Welt der Weisheit und Gerechtigkeit, war zugegen. In jeder Hinsicht stand die Welt vor Gericht.
Der Prozeß nahm seinen Lauf. Die Menschen wurden öffentlich entblößt. Sie wurden »ausgezogen«, wie es der Apostel Paulus in Kolosser 2, 15 sagt (Schlachter-Übersetzung; Elberfelder ähnlich). Sie hatten sich in Selbstgerechtigkeit und Weisheit und Religiosität und Rechtschaffenheit gehüllt. Sie waren maskiert! Und sie konnten nicht mit dieser Maske zur Hölle fahren. Sie mußten entblößt werden. Gott entblößte sie. Er zog sie aus. Er tat es, indem er in der Person unseres Herrn Jesus Christus als Mensch machtlos vor ihnen stand und sie mit der Frage konfrontierte: »Was wollt ihr mit Gott machen? Was wollt ihr mit Gott machen, wenn er als einfacher Mensch vor euch steht, ein Mensch ohne Schwert, ein Mensch ohne Armee, ein Mensch ohne Abwehrmittel, außer dem der Gerechtigkeit, ein Mensch, der sich nicht gegen euch wehren wird?«
Sie wurden gezwungen, diese Frage zu beantworten. Sie versuchten ihr auszuweichen. So versuchte besonders Pilatus auf verschiedene Weise, einer Antwort auf diese entscheidende Frage auszuweichen. Doch der Richter des Himmels und der Erde blieb hartnäckig: »Antwortet!«
Und sie antworteten: »Wir werden ihn töten! Wir werden ihn ans Kreuz nageln!«
Am Kreuz wurde das Urteil des Richters des Himmels und der Erde verkündet und vollstreckt. Als der Prozeß vorbei war, goß Gott die Schalen seines Zorns aus. Das Wort war des Zornes Gottes wert; und die Vollstreckung folgte auf Golgatha – im Kreuz, in der Finsternis, in jener schrecklichen Offenbarung von Gottesverlassenheit. Und Christus stand im Mittelpunkt all dessen. Christus, der die Seinen vertrat, Christus, der jene Welt vertrat, die von Gott erwählt war, stand im Mittelpunkt jenes schrecklichen Ausgießens von Urteil und Zorn. Und alle göttlichen Zornesschalen konzentrierten sich in dieser einen Stunde, der Stunde des Gerichts. Und Gott war dabei, namens der von ihm erwählten Welt, und ertrug seinen eigenen Zorn in unserem Fleisch.
Und das Ergebnis?
Die Welt als solche, die Welt außerhalb Christi, wurde verdammt. Auch das wurde am Kreuz offenbart. Der Vorhang riß entzwei: Gott verließ den Tempel, und Israel war verlassen. Die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen zum Zeichen, daß diese Welt vergehen muß. Selbst an den zwei Dieben am Kreuz wurde es deutlich: Nur einer wurde gerettet, bedeckt vom Kreuz Christi.
Und doch wurde in Christus die Welt, das heißt die von Gott geliebte und erwählte Welt, gerechtfertigt.
Das Gericht ist Vergangenheit. Der Jüngste Tag, der Tag der Offenbarung von Gottes gerechtem Urteil, wird die Verurteilung der Welt als solchen und die Rechtfertigung der Welt in Christus endgültig offenbaren.
Bis zu diesem Ende muß die Kirche das Evangelium predigen, das Evangelium der absolut souveränen Gnade, welches offenbart ist in Christus als gekreuzigt. Bis zu diesem Ende muß die Kirche das Evangelium von Christus als gekreuzigt predigen: »Christus als gekreuzigt, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit [das heißt dem natürlichen Menschen, Juden wie Griechen, Gottes Kraft zum Urteil]; den Berufenen selbst aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit« (1. Kor. 1, 23. 24).
Diese negative Seite des Kreuzes, diese negative Seite des Evangeliums wird heutzutage meist völlig vergessen und geleugnet. Meist ist die Kirche nicht länger gewillt, ihrer Berufung treu zu bleiben, das Evangelium sowohl positiv als auch negativ zu predigen. Sie ist nicht länger gewillt, Christus als gekreuzigt, als die Kraft Gottes, der wahrhaft Gott ist, zu predigen. Die Kirche will viel lieber einen Christus und Gott predigen, dessen Erlösungswerk letztendlich vom Willen und von der Entscheidung des gefallenen Sünders abhängt.
Diese kostbare Wahrheit muß bewahrt werden. Sie muß bewahrt werden, sowohl was die Versöhnung betrifft, als auch was die negative Seite des Kreuzes betrifft.
Das ist in erster Linie für uns persönlich als Gläubige wichtig.
Zur Erinnerung: Ein Christus für alle ist in Wahrheit ein Christus für niemanden. Man muß sich entscheiden zwischen einer allgemeinen Versöhnung, die eigentlich keine Versöhnung ist, und der stellvertretenden und begrenzten Versöhnung, die wahrhaftig und wirksam ist. Wenn Christus wirklich stellvertretend für alle Menschen gesühnt hätte, müßten auch alle Menschen gerettet werden. Doch selbst die Arminianer, die an einer allgemeinen Versöhnung festhalten, müssen der Tatsache ins Gesicht sehen, daß eben nicht alle Menschen gerettet werden. Daher läuft die arminianische Vorstellung von der Versöhnung darauf hinaus, daß Christus zwar für alle Menschen gestorben ist, daß aber nicht alle Menschen gerechtfertigt und gerettet werden. Was folgt daraus? Christi Versöhnung war unwirksam: Ich kann nicht sicher sein, daß er für jeden Menschen, einschließlich mich, gesühnt hat. So wird der Gläubige der festen Grundlage seiner Sicherheit beraubt, die dem Sühnetod am Kreuz innewohnt.
Zweitens ist diese Wahrheit für die Kirche und die Verkündigung des Evangeliums von Bedeutung. Mir ist sehr wohl bewußt, daß so eine Bemerkung heutzutage Befremden auslöst. Es klingt so angenehm und menschlich, wenn man einen Christus für alle und eine Liebe Gottes für alle verkündet. Und es ist sehr populär geworden. Man behauptet, es sei unmöglich, ohne ein allgemeines Evangelium und allgemeine Erlösung zu predigen oder Missionsarbeit zu leisten. Doch das grundsätzliche Problem liegt darin, daß die Menschen ihr Vertrauen nicht in ein Kreuz setzen wollen, das die Kraft Gottes ist. Ebensowenig wollen sie darauf vertrauen, daß Gott die allgemeine Verkündigung einer besonderen Verheißung gewiß gebraucht, um seine auserwählte Kirche zu versammeln und zu erlösen.
Doch denken Sie daran, daß das Evangelium keinen größeren Umfang annehmen kann als die objektive Genugtuung und Rechtfertigung des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus. Wenn man sich aber an ein allgemeines, gutgemeintes Angebot hält, so muß und wird man, wenn man konsequent ist, letztendlich auch die Lehre von einer allumfassenden Versöhnung annehmen.
Der Beweis ist bereits erbracht – Sie sind meine Zeugen!
Darum müssen wir hundertprozentig in der Wahrheit unserer reformierten Bekenntnisschriften stehen, sowohl hinsichtlich der Versöhnung als auch hinsichtlich der Predigt. Und wenn wir davon abgewichen sind, so müssen wir zurückkehren und verlassen, was falsch ist.
Möge Gott dies in Ihr und mein Herz legen!
1)
In den 60er Jahren entbrannte in reformierten Kreisen in den Vereinigten Staaten eine Diskussion über den Standpunkt, daß Christus nicht nur für eine begrenzte Anzahl, sondern für alle Menschen Versöhnung geleistet habe. Sie wurde von Professor Harold Dekker ausgelöst, der sich auf die Irrlehre von der allgemeinen Gnade (s. Anm. 3) berief.
2)
Matth. 27, 46; Mark. 15, 34
3)
Im Jahre 1924 verabschiedete die Synode der Christian Reformed Church eine aus drei Punkten bestehende Erklärung über die »allgemeine Gnade«, die alle Amtsträger unterschreiben mußten. Drei Pastoren, die sich dieser Irrlehre verweigerten, wurden kurz darauf mit ihren Gemeinden aus der CRC ausgeschlossen. Sie gründeten die Protestant Reformed Churches, der auch die Autoren dieses Buches angehören.
4)
1. Kor. 1, 23
5)
1. Kor. 2, 2
6)
Jes. 13, 6.
9;
30, 3;
Joel 1, 15;
2, 1.
11;
3, 4;
4, 14;
Amos 5, 18.
20;
Ob. 1, 15;
Zeph. 1, 7.
14;
2, 2. 3;
Mal. 3, 23
7)
Matth. 3, 10;
Luk. 3, 9