Die Fünf Punkte des Calvinismus
von Rev. Gise J. Van Baren
Herman Hanko, Homer Hoeksema, Gise J. Van Baren: Die Fünf Punkte des Calvinismus. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Carsten Linke. © 2000 Carsten Linke. Alle Rechte vorbehalten. Titel der Originalausgabe: The Five Points of Calvinism. © 1976 Reformed Free Publishing Association, Grand Rapids, Michigan (heute in Grandville, Michigan).
Wir lesen in Offenbarung 21: »Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel von Gott herabkommen, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein: denn das Erste ist vergangen. Und der, welcher auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind gewiß und wahrhaftig.«
Ist das nicht schön? Uns wird eine Beschreibung des neuen Himmels und der neuen Erde geliefert, wo Gerechtigkeit wohnt. Aber sind Sie überzeugt, daß sie dorthin gelangen werden? Sind Sie in diesem Augenblick sicher und ohne den Schatten eines Zweifels, daß dieser Ort Ihr Ort ist? Wir leben im gegenwärtigen Zeitalter, und obwohl das Ende nahe ist, erscheint der vor uns liegende Weg lang und heimtückisch. Die Fallen der Bösen liegen bereit, um unsere Seelen zu fangen. Ihre Versuchungen umgeben uns auf dem ganzen Weg zur Herrlichkeit, denn die Bösen versuchen, uns in die Irre zu führen. Glauben Sie also, daß Sie sicher im neuen Jerusalem ankommen werden? Werden Sie auch angesichts weiterer Gefahren bis zum Ende durchhalten? Auf dem Weg herrscht Verfolgung, bevor man im neuen Himmel und auf der neuen Erde ankommt. Und alle Zeit unseres Lebens auf Erden haben wir noch das sündige Fleisch, das Fleisch, das diese Welt genießen will, das Fleisch, das so oft in Sünde fällt. Werden wir zu dem herrlichen Ort gelangen, der in Offenbarung 21 beschrieben ist?
Erinnern Sie sich an das, was der Psalmdichter in Psalm 69 sagt? »Ich bin versunken in tiefen Schlamm, und kein fester Grund ist da; in Wassertiefen bin ich gekommen, und die Flut schwemmt mich fort. Ich bin müde von meinem Rufen, entzündet ist meine Kehle; meine Augen vergehen vom Harren auf meinen Gott. Mehr als die Haare meines Hauptes sind die, die mich ohne Ursache hassen; mächtig sind, die mich verderben wollen, meine Feinde sind sie ohne Grund; was ich nicht geraubt habe, das soll ich dann erstatten.« Der Psalmdichter sah die furchtbaren Fallstricke entlang des Weges. Psalm 38 drückt das gleiche aus: »Keine heile Stelle ist an meinem Fleisch wegen deiner Verwünschung, nichts Heiles an meinen Gebeinen wegen meiner Verfehlung. Denn meine Sünden wachsen mir über den Kopf, wie eine schwere Last sind sie zu schwer für mich.« Andere Stellen drücken denselben Gedanken aus. Sie erkennen, was gemeint ist: Zwischen dem Hier und Jetzt und dem Himmel liegt ein langer Weg, den das Kind Gottes gehen muß, ein Weg, auf dem scheinbar überall Bedrohungen und Gefahren lauern. Werden Sie auf diesem Weg standhaft bleiben?
Mit dieser Frage befaßt sich dieser Aufsatz. Wir bekennen die Wahrheit von der Beharrlichkeit der Heiligen. Ist der Weg auch dunkel, lauern auch hinter jeder Ecke Gefahren, wir bekennen, daß das Kind Gottes bewahrt werden und ausharren wird, bis das neue Jerusalem vom Himmel herabkommt.
Wenn Sie den bisherigen Vorträgen in diesem Buch gefolgt sind, werden Sie zugeben müssen, daß, wenn die vorangegangenen vier Punkte des Calvinismus wahr sind, dieser fünfte Punkt daraus folgt wie B aus A folgt. Wir bekennen die Wahrheit von der völligen Verderbtheit. Wir bekennen die Wahrheit von der bedingungslosen Erwählung, der begrenzten Versöhnung, der unwiderstehlichen Gnade. Wenn diese vier Punkte wahr sind – und sie sind es! – dann folgt daraus der fünfte, der sich auf die Beharrlichkeit der Heiligen bezieht. Ich werde das später noch deutlicher zeigen.
Die Wahrheit von der Beharrlichkeit der Heiligen ist eine so klare biblische Wahrheit, daß man sich fragt, wie irgend jemand sie anzweifeln könnte. Ich hoffe, im weiteren Verlauf einige der einschlägigen Texte anschneiden zu können.
Das Thema, mit dem wir uns nun befassen, lautet: »Die Beharrlichkeit der Heiligen«. Lassen Sie uns als erstes überlegen, was die Beharrlichkeit der Heiligen ist. Zweitens müssen wir ihre Grundlage betrachten: Woher weiß man, daß die Heiligen bis ans Ende ausharren werden? Und endlich müssen wir den wunderbaren Trost dieser Wahrheit verstehen.
Unser Thema umfaßt zwei Begriffe: »Beharrlichkeit« und »Heilige«. Diese müssen wir gut verstehen. Zuerst zum Wort »Heilige«. Von wem ist hier die Rede? Manchmal hört man die falsche Erklärung, ein Heiliger sei eine Person, die weit über allen anderen in der Kirche stehe. Ein Heiliger sei jemand, der eine Überfülle an guten Werken vollbracht habe und darum mehr als alle anderen zu preisen sei. Diese Ansicht stammt aus der Römischen Kirche, welche einige über andere erhebt und behauptet, die Heiligen gingen wegen ihrer Überfülle an guten Werken sofort in den Himmel ein. Doch das ist nicht die biblische Vorstellung von einem Heiligen. Nach dem Wort Gottes ist ein Heiliger jemand, der ausgesondert ist. Ein Heiliger ist jemand, der in Ewigkeit vom lebendigen Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn, erwählt worden ist. Er war nicht besser als andere, und doch ist er aus dem Sumpf von Sünde und Tod erhoben worden. Er ist wiedergeboren, berufen, bekehrt, so daß er nun in bewußter Gemeinschaft mit seinem Herrn Jesus Christus lebt. Er ist aus dieser Welt abgesondert und gerechtfertigt und geheiligt worden. Das ist ein Heiliger. Ich sage nicht, daß er ein Mensch ohne Sünde ist, wohl aber, daß er ein Heiliger um Jesu willen ist. Und wir bekennen, daß wir zu diesen Heiligen gehören.
An diese Heiligen, mögen sie auf dieser Erde noch so voller Fehler sein, wird wiederholt das Wort Gottes gerichtet. Die apostolischen Briefe sind an die »Heiligen« in bestimmten Städten adressiert. Von diesen Heiligen sprechen wir.
Zum zweiten benutzen wir das Wort »Beharrlichkeit«. Damit meinen wir, daß jemand im Stand der Heiligkeit und Gerechtigkeit verbleibt, in den er durch des Werk des Heiligen Geistes erhoben worden ist, daß er auf seinem ganzen Weg durchs Tal des Todesschattens in diesem Stand verbleibt, bis er endlich in die Herrlichkeit geführt wird.
Beharrlichkeit weist zuallererst auf alle Gefahren und Bedrohungen hin, denen das empfangene neue Leben ausgesetzt ist. Da ist etwas, das versucht niederzuwerfen, zu zerstören, den lebendigen Glauben wegzunehmen, von dem wir bekennen, daß er um Jesu willen der unsere ist.
Doch Beharrlichkeit deutet gleichermaßen an, daß wir trotz der allgegenwärtigen Gefahren diese sicher durchschreiten, bis wir endlich genau die Herrlichkeit empfangen, die uns Gott in Christus verheißen hat. Es gibt eine Stelle in der Heiligen Schrift, die diese Wahrheit klar ausspricht: 1. Korinther 15, 58. Erinnern Sie sich? Nachdem der Apostel Paulus viel von der Auferstehung Christi und unserer Auferstehung in ihm gesprochen hat, erklärt er: »Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unerschütterlich, allezeit überströmend in dem Werk des Herrn, da ihr wißt, daß eure Mühe im Herrn nicht vergeblich ist.« Das ist sie, die Beharrlichkeit der Heiligen. Diesen Gedanke findet man in der ganzen Heiligen Schrift, einschließlich der genannten Stelle in 1. Kor. 15.
Ich nehme an, Sie sind sich dessen bewußt, daß dieser Fünfte Punkt des Calvinismus zusammen mit den vier anderen der als Arminianismus bekannten Ketzerei entgegengestellt wurde. Anfang des 17. Jahrhunderts gab es in den Niederlanden eine von Arminius beeinflußte Gruppe, die lehrte, daß ein Heiliger auch aus der Gnade fallen könne. Er kann ein wirklicher Heiliger sein; er kann heilig und gerecht sein, er kann tatsächlich wiedergeboren sein – und doch aus der Gnade fallen. Ich möchte aus ihren eigenen Schriften zitieren, um Ihnen zu zeigen, daß sie genau dieses lehrten. Als erstes zitiere ich aus dem fünften Artikel der Remonstranz, den sogenannten Arminianischen Artikeln, die im Jahre 1610 aufgestellt wurden. Hören Sie genau hin. Achten Sie darauf, wie entschieden die Arminianer die Wahrheit von der Beharrlichkeit der Heiligen anzweifeln:
»Daß diejenigen, die durch einen wahren Glauben Jesus Christus einverleibt und dadurch seines lebensspendenden Geistes teilhaftig geworden sind, die volle Kraft besitzen, gegen den Satan, die Sünde, die Welt und ihr eigenes Fleisch anzukämpfen und den Sieg zu erringen; was so zu verstehen ist, daß solches immer nur durch den Beistand der Gnade desselben Geistes geschieht; und daß Jesus Christus ihnen durch seinen Geist in allen Versuchungen beisteht, ihnen die Hand bietet, und sie, wenn sie denn zum Kampf bereit sind und seine Hilfe begehren und selbst nicht untätig sind, vor dem Fall bewahrt, so daß sie durch keine List oder Gewalt des Satans verleitet oder der Hand Christi entrissen werden können, nach dem Wort Christi in Joh. 10, 28: ›Niemand wird sie aus meiner Hand rauben.‹ Ob dieselben aber nicht durch Nachlässigkeit den ersten Beginn ihres Daseins in Christus verlassen, die gegenwärtige Welt wiederum annehmen, von der ihnen einmal gegebenen heiligen Lehre abweichen, ihr gutes Gewissen verlieren und aus der Gnade fallen können, das muß erst näher aus der Heiligen Schrift untersucht werden, ehe wir solches mit voller Überzeugung unseres Gemüts lehren können.«
Haben Sie bemerkt, wie raffiniert die Arminianer sich ausdrücken? Sie betonen auch die helfende Kraft des Heiligen Geistes. Sie vermeiden es in diesem Artikel zu sagen, die Heiligen hielten nicht aus, vielmehr sagen sie, die Angelegenheit sei in der Heiligen Schrift nicht klar erklärt.
Später jedoch verwarfen die Arminianer den Gedanken der Beharrlichkeit der Heiligen öffentlich. Ich zitiere John Wesley, wie er im Buch »Elements of Divinity« von Ralston wiedergegeben wird:
»Kann also ein Kind Gottes in die Hölle kommen? Oder kann jemand heute ein Kind Gottes und morgen ein Kind des Teufels sein? Wenn Gott einmal unser Vater ist, ist er es dann nicht für immer?
Ich antworte: 1. Ein Kind Gottes – d. h. ein wahrer Gläubiger (jeder, der glaubt, ist aus Gott geboren) – kann, solange er ein wahrer Gläubiger bleibt, nicht in die Hölle kommen. 2. W. enn sein Glaube Schiffbruch erleidet, ist er nicht länger Kind Gottes; und dann kann er in die Hölle kommen, ja, er wird es gewiß, wenn er im Unglauben bleibt. Wenn sein Glaube Schiffbruch erleidet, so könnte ein Mensch, der jetzt glaubt, kurze Zeit später zum Ungläubigen werden; ja, sehr wahrscheinlich morgen schon; wenn es aber so ist, dann könnte der, der heute ein Kind Gottes ist, morgen ein Kind des Teufels sein. Denn 4. ist Gott der Vater derer, die glauben, solange sie glauben; der Teufel aber ist der Vater derer, die nicht glauben – ganz gleich, ob sie früher einmal glaubten oder nicht.
Das Ergebnis all dessen ist: Wenn die Heilige Schrift wahr ist, so können jene, die heilig oder gerecht im Gericht Gottes stehen; jene, die bekleidet sind mit dem Glauben, der das Herz reinigt, der ein gutes Gewissen hervorbringt; jene, die in den edlen Ölbaum eingepfropft sind, die geistliche, unsichtbare Kirche; jene, die Zweige der geistlichen, unsichtbaren Kirche sind; jene, die Reben des wahren Weinstocks sind, von dem Christus sagt: ›Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben‹; jene, die Christus so wirksam kennen, daß sie durch diese Kenntnis den Unreinheiten der Welt entkommen sind; jene, die die leuchtende Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi sehen und des Heiligen Geistes, seines Zeugnisses und seiner Früchte teilhaftig geworden sind; jene, die aus dem Glauben in den Sohn Gottes leben; jene, die durch das Blut des Bundes gereinigt sind – jene können trotzdem so von Gott abfallen, daß sie ewig umkommen.
Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, daß er nicht falle.«
Die Hervorhebungen sind hinzugefügt. Das Zitat beseitigt alle Zweifel. Worte können nicht deutlicher sein. Ein Heiliger, sagt Wesley, ein wahrhaft lebendiges, geistiges Kind Gottes kann fallen und endlich in die Hölle geworfen worden, obwohl Christus für ihn gestorben ist.
Selbstverständlich berufen sich die Arminianer auf die Heilige Schrift. Wenn man die oben angeführten Bibelstellen liest, könnte man meinen, daß die Arminianer ihren Standpunkt tatsächlich aus der Bibel bewiesen haben. Ich kann nicht auf alle zitierten Stellen eingehen. Es sind jedoch einige darunter, die wir durchaus betrachten sollten. Eine davon ist Hebräer 6, 4–6: »Denn es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe geschmeckt haben und des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind und das gute Wort Gottes und die Kräfte des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben und doch abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern, da sie für sich den Sohn Gottes wieder kreuzigen und dem Spott aussetzen.« Scheint dies nicht das Abfallen der Heiligen zu lehren? Was sagt man dazu? Sie sind einmal erleuchtet worden, haben die himmlische Gabe geschmeckt, sind des Heiligen Geistes teilhaftig geworden usw. Lehren die Arminianer nicht zu Recht, daß man aus der Gnade fallen kann?
Eine andere Stelle ist Römer 11, 17. 20–22: »Wenn aber einige der Zweige ausgebrochen worden sind und du, der du ein wilder Ölbaum warst, unter sie eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaumes mit teilhaftig geworden bist … Richtig; sie sind ausgebrochen worden durch den Unglauben; du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich! Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht geschont hat, wird er auch dich nicht schonen. Sieh nun die Güte und die Strenge Gottes: gegen die, welche gefallen sind, Strenge; gegen dich aber Güte Gottes, wenn du an der Güte bleibst; sonst wirst auch du ausgeschnitten werden.« Was kann man zu dieser Stelle sagen? Da ist von Einpfropfen und Ausschneiden die Rede. Ist das nicht das Abfallen der Heiligen? Die Arminianer sagen: Ja.
Wir lesen weiter in Timotheus 1, 19. 20: »… indem du den Glauben bewahrst und ein gutes Gewissen, das einige von sich gestoßen und so im Hinblick auf den Glauben Schiffbruch erlitten haben; unter ihnen sind Hymenäus und Alexander, die ich dem Satan übergeben habe, damit sie zurechtgewiesen werden, nicht zu lästern.« Einige haben im Hinblick auf den Glauben Schiffbruch erlitten. Nun werden sie der Vernichtung preisgegeben. Das beweist das Abfallen der Heiligen, oder nicht? Die Arminianer sagen: So ist es.
Was würden Sie zu diesen Texten sagen? Zunächst einmal können diese Stellen nicht bedeuten, daß es ein Abfallen der Heiligen gibt. Was auch immer sie zu bedeuten haben, das kann es nicht sein. Sonst würden einige Texte Hunderten anderer Stellen der Heiligen Schrift widersprechen. Und die Heilige Schrift widerspricht sich nicht selbst.
Man kann Erklärungen für alle angeführten Stellen finden. Einer der einfachsten Wege, alle Argumente der Arminianer zu widerlegen, besteht darin, 1. Johannes 2, 19 zu zitieren: »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber sie blieben nicht, damit sie offenbar würden, daß sie alle nicht von uns sind.« Das ist die Haupterklärung für die meisten Stellen, welche die Arminianer verwenden würden, um die Beharrlichkeit der Heiligen zu leugnen. Einige scheinen wirklich von uns zu sein; sie werden »Christ« genannt; sie sprechen als Christen – doch sie wenden sich von der Kirche ab. Die Tatsache, daß sie uns verlassen, beweist, daß sie nie wirklich von uns waren. So müssen wir Hebräer 6 verstehen. Es gab jene, die erleuchtet worden waren usw. Waren jene wiedergeborene Söhne Gottes? Nein, in diesem besonderen Beispiel spricht der Text von einem Unbekehrten oder Nichtwiedergeborenen. Hier ist einer, der nicht in aufrichtiger Reue auf die Knie gefallen ist und ausgerufen hat: »O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!«1 Nein, der Mann aus Hebräer 6 ist einer von denen, die sich aus dem einen oder anderen Grund der Kirche auf Erden angeschlossen haben. Er hörte das gepredigte Wort. In diesem Sinn schmeckte er auch das gute Wort Gottes. Er redete von diesem Wort. Er wurde des Heiligen Geistes »teilhaftig«, das heißt, er genoß die anderen Mittel der Gnade, die der Kirche gegeben sind: die Taufe und das Abendmahl. Dieser Heuchler gab vor, gerecht und heilig zu sein, bis er am Ende sein wahres Gesicht zeigte und die Kirche verließ. Von solchen redet der Hebräerbrief. Wenn sie abfallen, ist es unmöglich, sie wieder zur Buße zu erneuern, da sie für sich den Sohn Gottes wieder kreuzigen und dem Spott aussetzen. Die folgenden Verse von Hebräer 6 beweisen dies.
Oder betrachten Sie die Stelle in Römer 11. In diesem Text ist von Ausschneiden und Einpfropfen in einen Ölbaum die Rede. Wenn man diese Stelle aber aufmerksam liest, versteht man, daß der Apostel die Geschehnisse in der Kirche des Alten Bundes mit denen in der neuen vergleicht. Während der ganzen Zeit des Alten Bundes hatte Gott sein Volk aus den Juden versammelt. Auch nach dem ersten Pfingsttag gehörten noch viele unter den Juden zu seinem Volk, doch viele wurden in ihrer Generation abgeschnitten. Am Pfingsttag wurden ganze Generationen von Juden von der Kirche abgetrennt und die Heiden in ihren Generationen hineingebracht. Nun warnt der Apostel die Heiden, daß Unglaube in ihrer Generation dazu führt, daß verdorbene Zweige, Generationen, ausgeschnitten werden. Und das geschieht auch. Nicht einzelne Heilige werden von dem lebendigen Baum, der Christus ist, ausgeschnitten, sondern ungehorsame Generationen, die vorher einmal »Kirche« hießen.
Oder nehmen Sie den Verweis auf Hymenäus und Alexander. Dort bemerkt man dasselbe, was in Hebräer 6 gezeigt wird. Diese Männer hatten eine Maske der Frömmigkeit und des Glaubens aufgesetzt. Mit diesem geheuchelten Glauben haben sie Schiffbruch erlitten und sind abgefallen. Das ist kein Abfallen von Heiligen, sondern eine Entlarvung der Heuchelei. Die »arminianischen« Texte widerlegen die Beharrlichkeit der Heiligen nicht.
Lassen Sie mich als erstes feststellen, daß das Wort Gottes durchweg die Tatsache hervorhebt, daß die Heiligen durchhalten müssen. Sie müssen fest, unerschütterlich, allezeit überströmend in dem Werk des Herrn sein. Das ist die Berufung der Kirche Christi. Es ist unsere Berufung. An vielen Stellen wird diese Wahrheit gelehrt. In Offenbarung 3, 11 sagt Christus zur Gemeinde in Philadelphia: »Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit niemand deinen Siegeskranz nehme!« In Philipper 2, 12 lesen wir: »Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht nur in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit, bewirkt euer Heil mit Furcht und Zittern!«
Und die Christen werden aushalten. Wollen Sie Beweise? Lesen Sie Johannes 5, 24: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen.« Ist das nicht klar? Was gilt für den, der Christi Wort hört und glaubt? Die Heilige Schrift sagt nicht, daß er letztendlich das ewige Leben erreichen könnte oder daß das Erreichen des ewigen Lebens von etwas abhängt. Nein, er besitzt es bereits. Es ist bereits jetzt das Seine. Und daß er nicht ins Gericht kommt, sondern aus dem Tod ins Leben übergegangen ist – dieses Versprechen ist gewiß.
Auch Römer 8, 35 betont diese Wahrheit: »Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi?« Das Wort Gottes macht hier genau dies klar: Es gibt nichts, was uns von der Liebe Gottes in Christus scheiden kann oder wird. Nichts!
Oder lesen Sie Paulus’ eigenes Bekenntnis in 2. T. imotheus 4, 7: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt; fortan liegt mir bereit der Siegeskranz der Gerechtigkeit, den der Herr, der gerechte Richter, mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tag: nicht allein aber mir, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieben.« Paulus zweifelt nicht, ob es am Ende einen Siegeskranz geben wird, sondern bringt seine Gewißheit zum Ausdruck, daß der Siegeskranz wirklich für ihn und alle Heiligen bereitliegt.
Nun wollen wir die Bekenntnisschriften der reformierten Kirchen betrachten. In den Dordrechter Lehrsätzen gibt es ein ganzes Lehrstück, daß unser Thema behandelt. Ich will einen passenden Artikel zitieren, D. L. V, 9:
»Dieser Bewahrung der Erwählten zur Seligkeit und der wahrhaft Gläubigen Beharrlichkeit im Glauben können die Gläubigen selbst gewiß sein und sind es nach Maßgabe ihres Glaubens, durch den sie gewiß glauben, daß sie wahre und lebendige Glieder der Kirche seien und bleiben würden, daß sie Vergebung der Sünden und ewiges Leben hätten.«
So lautet das Bekenntnis der reformierten Kirchen seit 1618/19 und selbst der Zeit davor.
Wenn man von der Beharrlichkeit der Heiligen spricht, so gibt es ein Element, das diese Beharrlichkeit der Heiligen absolut sicher macht, ein Element, das man nie vergessen darf. Man hält aus, weil man von dem lebendigen Gott erhalten wird – und es gibt keine andere Ursache für die Beharrlichkeit. Wenn man mit einem Arminianer über das Thema der Beharrlichkeit der Heiligen spricht, so ist es sehr wahrscheinlich, daß er nicht widersprechen wird. Der Arminianer wäre bereit zu sagen, daß es Beharrlichkeit gibt und geben muß – und daß es sie geben wird, wenn wir bis zum Ende standhaft bleiben. Wenn wir an der Wahrheit des Wortes Gottes festhielten, so würden wir bis zum Ende aushalten. Wir seien es, die die Kraft hätten auszuhalten, wenn wir wollten; doch wir könnten auch verlieren, was wir haben, und selbst verlorengehen. Also würde der Arminianer die Heiligen dazu anspornen auszuhalten. Doch dann lehrt er, daß es wirklich möglich sei und auch geschehe, daß ein Heiliger am Ende verlorengeht. Wir aber bestreiten, daß solches jemals möglich ist. Der Heilige kann nicht fallen, weil seine Erhaltung nicht auf seinem eigenen Handeln beruht, sondern auf der Kraft des allmächtigen Gottes. Man könnte vieles anführen, um das zu zeigen. Man könnte sich der Tatsache erinnern, daß Gottes Eigenschaften notwendig die sichere Erhaltung der Heiligen implizieren. Gott offenbart seine Barmherzigkeit, seine Liebe, seine Gerechtigkeit, seine Wahrheit, seine allmächtige Kraft. Betrachten Sie jede dieser Eigenschaften, die im wesentlichen eine sind, und Sie werden erkennen, daß jede notwendig impliziert, daß Gott sein Volk erhalten muß, anderenfalls wäre er nicht Gott.
Die Fünf Punkte des Calvinismus sind eng miteinander verbunden. Einer setzt den anderen voraus. Da ist das Thema der ewigen Erwählung. Nach Epheser 1, 4 ist die Erwählung sicher, sie ist in Christus erfüllt, und sie ist vor Grundlegung der Welt geschehen. Wenn das stimmt – und es stimmt –, dann folgt unweigerlich, daß die Heiligen erhalten werden müssen. Gott hat einige ewig erwählt; und wenn dies etwas bedeutet, dann das, daß diese wirklich in Herrlichkeit vor seinem Angesicht sitzen werden. Leugnet man Beharrlichkeit und Erhaltung, dann bedeutet Erwählung nichts. Oder umgekehrt: Leugnet man die Erwählung, so ist die Beharrlichkeit ohne Bedeutung.
Die gleiche Beziehung besteht mit der begrenzten oder besonderen Versöhnung: Christus ist für sein Volk gestorben, und darum sind ihre Sünden nach der Gerechtigkeit Gottes getilgt. Weil das wahr ist, muß er sein Volk erhalten, so daß sie bis zum Ende ausharren werden. Wenn der Tod Christi Kraft und Leben bedeutet, so daß alle Sünden derer, die in ihm sind, vergeben sind, dann müssen sie auch wirklich in die Herrlichkeit aufgenommen werden. Wenn jene, für die Christus gestorben ist, trotzdem aus der Gnade fallen könnten, so wäre Christus vergebens gestorben. Das aber ist unmöglich.
Gleiches gilt für die unwiderstehliche Gnade. Die unwiderstehliche Gnade ist die Kraft Gottes, durch die er an seinen Heiligen seinen Wohlgefallen vollbringt. Jene, die Sünder waren, doch ewig in Christus erwählt sind, bildet er neu. Gott formt sie nach seinem Bild durch die Kraft der Gnade. Deshalb muß da, wo unwiderstehliche Gnade ist, auch Erhaltung der Heiligen sein. Die unwiderstehliche Gnade Gottes beginnt und vollendet unsere Erlösung.
Sehr viele Stellen in der Heiligen Schrift beweisen die Wahrheit, daß Gott sein auserwähltes Volk erhält. Ich will einige davon zitieren. In Philipper 1, 6 sagt der Apostel: »Ich bin ebenso in guter Zuversicht, daß der, welcher ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Christi Jesu.« Da gibt es kein Wenn und Aber, keine Bedingungen. Er wird es vollenden bis auf den Tag Christi Jesu. Er erhält und wir harren aus.
Hier ist eine andere Stelle, Johannes 10, 27–29: »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben.« Kann irgend etwas klarer sein als das? Er gibt ewiges Leben. Was würde es bedeuten, wenn man den arminianischen Standpunkt vertreten würde? Gibt Gott ewiges Leben, aber nimmt es in einigen Fällen wieder weg? O nein. Hören Sie: »Und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit.« Wissen Sie, warum? Nicht weil sie so stark sind, nicht weil sie besser sind als die anderen. Nein, sie sind in der Hand ihres Vaters, und der ist größer als alle. Niemand kann die Heiligen aus der Hand des Vaters rauben. Niemand!
In 2. Timotheus 1, 12 lesen wir: »Denn ich weiß, wem ich geglaubt habe, und bin überzeugt, daß er mächtig ist, mein anvertrautes Gut bis auf jenen Tag zu bewahren.« Beachten Sie, was Paulus sagt. Er sagt nicht: »Ich bin überzeugt, daß ich mächtig bin, mein anvertrautes Gut bis auf jenen Tag zu bewahren«, sondern »daß er mächtig ist«. Das ist Gott, der größer ist als alle. Er bewahrt uns auf dem Weg des Lebens. Er erhält die Heiligen, so daß sie versichert sind, daß sie ausharren werden.
Oder lesen Sie Römer 8, 29. 30: »Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und die er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.« Sie merken, daß Gott seiner Kirche nicht erzählt, daß er sie vielleicht verherrlichen wird, abhängig von ihren eigenen Werken, sondern Gott erklärt: Eure Erlösung ist bereits vollendete Tatsache. Gott hat erkannt, Gott hat gerechtfertigt, Gott hat verherrlicht. Das steht nach dem ewigen Ratschluß Gottes fest. Wir werden von unserem Gott erhalten.
Man könnte noch viele andere Stellen anführen. Man könnte auf Johannes 17 verweisen, jenes wunderschöne Gebet Christi vor seiner Kreuzigung, wo er von den Seinen spricht und für sie bittet. Wir könnten von Petrus lesen, der sich so sehr seiner eigenen Fähigkeit rühmte, selbst dann fest zu stehen, wenn alle anderen den Christus verlassen würden. Christus spricht zu Petrus: »Ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht aufhöre.«2 Und das ist der Unterschied zwischen Petrus und Judas Ischarioth. Christus hielt Petrus fest und ist für ihn gestorben, und Petrus ging in die Herrlichkeit ein.
Betrachten Sie nun wieder unsere Bekenntnisschriften, Dordrechter Lehrsätze, fünftes Lehrstück, Artikel 6 und 7:
»Denn Gott, der reich an Barmherzigkeit ist, nimmt nach dem unveränderlichen Ratschluß der Erwählung den Heiligen Geist auch bei traurigen Sündenfällen nicht ganz von den Seinen und läßt sie nicht so tief fallen, daß sie die Gnade der Kindschaft oder den Zustand der Rechtfertigung verlören oder eine Todsünde oder eine Sünde gegen den Heiligen Geist begingen und, von ihm völlig verlassen, sich ins ewige Verderben stürzten.
Denn zuerst bewahrt er bei solchen Sündenfällen bei ihnen seinen unsterblichen Samen, aus dem sie wiedergeboren sind, daß er nicht verdorben oder verloren werde. Sodann erneuert er sie durch sein Wort und seinen Geist gewiß und wirksam zur Buße, daß sie über die begangenen Sünden von Herzen nach Gottes Willen Schmerz empfinden, Vergebung im Blute des Mittlers durch den Glauben mit zerknirschtem Herzen erstreben und erlangen, die Gnade des versöhnten Gottes aufs neue empfinden, seine Barmherzigkeit durch Glauben verehren und dann ferner ihr Heil mit Furcht und Zittern eifrig betreiben.«
Unsere Väter haben es bekannt. Auch wir müssen es bekennen. Es ist der Trost, die Hoffnung und die Sicherheit der Kirche.
Der Gedanke der Beharrlichkeit der Heiligen ist nicht etwa langweilig, kalt oder ohne Bindung zum Leben eines Christen. Sind wir vielleicht manchmal gewillt, die Beharrlichkeit als eine Doktrin der Kirche zu studieren, die aber ansonsten für uns persönlich bedeutungslos ist? Das sei ferne. Diese Wahrheit ist kräftig, sie ist lieblich, sie ist tröstlich, sie ist von Hoffnung erfüllt – auch macht sie nicht nachlässig. Denn das ist einer der Einwände der Arminianer gegen diese Wahrheit: Sie behaupten, daß sie unweigerlich zu nachlässigem Lebenswandel führe. Wenn jemand bis zum Ende erhalten wird, spiele es keine Rolle, was er in seinem Leben tut oder redet. Wenn wir aber verstehen würden, daß wir etwas leisten müßten, dann würden wir nicht nachlässig werden, sagen die Arminianer. Doch die Arminianer liegen ganz falsch. Die Wahrheit von der Beharrlichkeit führt nicht zu Nachlässigkeit. Die Wahrheit von der Beharrlichkeit und Erhaltung der Heiligen ist genau die Wahrheit, die dem Kind Gottes Ansporn ist, in aller Gottesfurcht und Heiligkeit vor Gott zu wandeln. Das ist eine Tatsache. Niemand, der ein Kind Gottes ist, würde je sagen, er könne sündigen, soviel er wolle – er würde ja doch erhalten. Wer sagt, er könne sündigen, soviel er wolle, der ist kein Christ und gibt kein Zeugnis vom Werk Christi in seinem Herzen. So wirkt der Heilige Geist nicht. Er erneuert uns, er gibt uns das Leben, das uns Christus erworben hat, und derselbe Geist führt uns auf Erden auf dem Weg der Gottesfurcht und Heiligkeit. Wir sind noch nicht vollkommen. Aber wir haben dennoch den Anfang des neuen Lebens und demnach den geistigen Wunsch, Gott jetzt zu dienen, wo wir auf Erden sind. Dann sagen wir wirklich von Herzen mit dem Apostel Paulus: »Das Gute, das ich will, übe ich nicht aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich«3. Führt die Lehre von der Beharrlichkeit zu Nachlässigkeit? Zu Gotteslästerung? Das ist unmöglich. Vielmehr muß uns diese Wahrheit so anspornen, daß wir täglich nur den Einen verehren, der uns durch sein eigenes Blut errettet hat und durch sein Wort und seinen Geist auf dem ganzen Weg bewahrt bis ans Ende, wo wir dann verherrlicht werden.
Die Beharrlichkeit der Heiligen ist von besonderem Trost für uns, die wir noch immer sündigen. Beharrlichkeit heißt nicht, daß wir vollkommen sind, obschon alle unsere Sünden durch das Blut Christi bedeckt sind. Solange wir auf Erden leben, sündigen wir. Doch die Wahrheit, mit der wir uns in diesem Kapitel befassen, tröstet uns hinsichtlich unserer Sünden. Den Weg hier unten müssen wir durchwandern. Auf diesem Weg lauern allerlei Gefahren, von denen mein eigenes Fleisch keineswegs die geringste ist. Täglich sündige ich. In Gedanken, in Wort und Tat sündige ich. Werde ich dann sicher in den Himmel kommen? Ach, ich weiß, wie groß meine Sünden auch sein mögen, ich bin davon gereinigt, ich werde ohne Zweifel in die Herrlichkeit eingehen. Die Heilige Schrift ist reich an Vorbildern. Erinnern Sie sich an König David, den Mann nach Gottes Herzen? David beging einige schreckliche Sünden: Er beging Ehebruch, er beging einen Mord, er log, er zählte das Volk. Das sind nur einige der bekanntesten Sünden Davids. Es gab eine Zeit, in der David von der Last seiner Sünden überwältigt wurde. Eine Zeitlang lebte er reuelos, bis der Prophet Gottes zu ihm kam, ihm seine Übertretungen aufzeigte und den Weg der Erlösung. David wußte, was es heißt, gegen den lebendigen Gott zu sündigen, aber er wußte auch, was es heißt, im Glauben erhalten zu werden. Auf den Knien ruft David in Psalm 51 aus: »Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und den Geist deiner Heiligkeit nimm nicht von mir! Laß mir wiederkehren die Freude deines Heils, und stütze mich mit einem willigen Geist!« Und Gott tat es für David – und er tut es für alle seine Erwählten. Vergessen Sie auch Petrus nicht, den prahlerischen, stolzen Petrus, der Christus dreimal verleugnete. Können Sie sich eine schlimmere Sünde vorstellen? Doch Christus betete für ihn. Christus bewahrte ihn. Petrus wurde zurückgebracht und genoß erneut die Herrlichkeit seiner Erlösung in Christus. Er fiel nicht aus der Gnade; er konnte nicht aus der Gnade fallen. Er konnte sündigen – ja, schwer sündigen – aber zum Tode? Nein. Christus war für Petrus gestorben. Und Christus erhielt ihn, so daß auch Petrus jetzt in der Herrlichkeit ist.
Und so könnte man die ganze Reihe der Heiligen durchgehen. Sie alle hatten ihre Sünden, manchmal schwere Sünden, doch sie sind vergeben, und diese Heiligen sind erhalten und verherrlicht worden. Das ist mein Trost. Nichts kann an dieser Tatsache etwas ändern. Der Arminianer sagt: »Ich weiß, daß ich heute ein Kind Gottes bin. Heute weiß ich, daß ich das ewige Leben erben werde. Aber morgen werde ich das vielleicht nicht sagen können.« Doch jemand, der Kind Gottes ist (man muß ihn nicht einen »Calvinisten« nennen) ruft, vor Gott kniend: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt; ich weiß, daß ich durch ihn lebe; ich weiß, daß ich den Siegeskranz, der mir bereitliegt, erhalten werde. Ich weiß es.«4 Gefahren lauern auf Schritt und Tritt: Drohungen, Ängste, Verfolgung – aber ich weiß, daß ich ihm gehöre und in die Herrlichkeit eingehen werde, die er mir verheißen hat.
Manchmal wird dennoch die Frage gestellt: Bin ich einer jener Heiligen, die bis ans Ende ausharren werden? Manchmal zweifeln Kinder Gottes an ihrer eigenen Erlösung. Christen beginnen mitunter zu zweifeln, manchmal in solchem Maße, daß wir eine Zeitlang ganz von allen Segnungen und aller Gunst unseres Gottes getrennt zu sein scheinen. Doch Gott sagt uns in seinem Wort, daß sein Volk für immer ihm gehört. Er spricht dieses Wort und befestigt es durch seinen Geist in meinem Herzen. Sein Geist ruft mit meinem Geist: »Abba, Vater!«5 Wenn ich um meine Erlösung besorgt bin, wenn ich der Tatsache gedenke, daß ich ein Sünder bin und aller Segnungen unwürdig, dann sehe ich bereits die Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes in mir. Die Sorge, die wirkliche, geistige Sorge um die Sünde, die Hoffnung und das Verlangen nach Erlösung sind ein Werk des Heiligen Geistes. Diese Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes in mir ist ein Beweis, daß auch ich einer derjenigen bin, die bis zum Ende erhalten werden. Der, welcher das gute Werk in uns angefangen hat, wird es auch vollenden.
Ich muß hinzusetzen: Sagen Sie das Ihren Kindern! Lassen Sie nicht zu, daß irgend jemand sie lehrt, es gäbe keine Beharrlichkeit und Erhaltung der Heiligen. Ihre Kinder werden diesen Trost besonders in der heutigen Zeit brauchen, da die Nacht weit vorgerückt und der Tag nahe ist. Nicht nur wir, sondern auch die Nachkommen des Bundes müssen wissen, daß auch sie bis ans Ende ausharren werden, auch wenn Versuchungen, Verfolgung, Gefängnis oder Tod auf ihrem Weg liegen. Sie sind in der Hand Gottes bewahrt, niemand kann sie ihm entreißen. In diesem Wissen können wir mit dem Apostel Paulus in Römer 8 sagen:
»Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hungersnot oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: ’Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir gerechnet worden.« Aber in diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin überzeugt, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Mächte, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf uns wird scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.«
1)
Luk. 18, 13
2)
Luk. 22, 32
3)
Röm. 19
4)
Hiob 19, 24;
1. Joh. 4, 9;
2. Tim. 4, 8
5)
Röm 8, 15;
Gal. 4, 6