Der Heidelberger Katechismus
Katechismus in unsrer christlichen Religion heißt: ein kurzer und einfältiger mündlicher Bericht von den vornehmsten Stücken der christlichen Lehre, darin von den Jungen und Einfältigen wiederum gefordert und gehört wird, was sie gelernet haben. Denn es haben alle Gottseligen von Anbeginn der christlichen Kirche sich beflissen, ihre Kinder daheim, in Schulen und Kirchen in der Furcht des Herrn zu unterweisen, ohne Zweifel aus nachfolgenden Ursachen, welche uns auch billig dazu bewegen sollen: Denn erstlich haben sie wohl bedacht, daß die angeborne Bosheit überhand nehmen würde und darnach Kirchen und politisches Regiment verderben, wenn man ihr nicht beizeiten mit heilsamer Lehre begegnet. Zum andern hat sie auch der ausdrückliche Befehl Gottes dazu getrieben, Exod. 12., 13., Deut. 4., 6. und 11. Kapitel, da der Herr also spricht: »Diese Worte [der Zehn Gebote], die ich dir heut gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzest oder auf dem Weg gehest, wenn du dich niederlegest oder aufstehest.«1 Endlich auch, gleichwie derer von Israel Kinder nach der Beschneidung, wenn sie zu ihrem Verstand kamen, von dem Geheimnis desselben Bundeszeichens und auch vom Bund Gottes unterrichtet wurden, also sollen auch unsere Kinder von ihrer empfangnen Taufe, wahrem christlichen Glauben und Buße unterrichtet werden, auf daß, ehe sie zum Tisch des Herrn zugelassen werden, sie vor der ganzen christlichen Gemeinde ihren Glauben bekennen. Dieser Gebrauch, den Katechismus zu treiben, so aus dem Befehl Gottes seinen Ursprung hat, ist so lang in der christlichen Kirche geblieben, bis daß der leidige Satan durch den Antichrist, den Papst, wie alle anderen guten Ordnungen, also auch diese zerrissen und anstatt derselben sein Schmierwerk und Backenstreich und andere Greuel hat gesetzet, welche er die »Firmung« nennet.
Soll derhalben der Katechismus auf nachfolgende Form gehalten werden:
Erstlich, dieweil das alte Volk im Papsttum ohne Katechismus ist auferzogen und leichtlich der Stücke der christlichen Religion vergisset, so ist für notwendig angesehen, daß an allen Sonn- und Feiertagen in Dörfern und Flecken, desgleichen auch in den Städten, ehe man anhebt zu predigen, der Kirchendiener ein Stück aus dem Katechismus klar und verständlich dem Volk vorlese, also daß er in neun Sonntagen ausgelesen werde: den ersten Sonntag bis auf den andern Teil, den zweiten bis auf den Artikel von Gott dem Sohn, den dritten bis an die Frage von der Himmelfahrt Christi, den vierten bis zur Frage: »Was hilft es dir, wenn du dies alles glaubest?«, den fünften bis zum heiligen Abendmahl, den sechsten bis zum dritten Teil des Katechismus, den siebenten bis zur Frage: »Was will Gott im fünften Gebot?«, den achten bis zum Gebet, den neunten bis zum Ende des Gebets. Am zehnten Sonntag soll der Pfarrer vor der Predigt die Sprüche, darin ein jeglicher seines Berufs erinnert wird, vorlesen, wie die zum Ende des Katechismus gesetzt sind.
Ferner soll alle Sonntage nachmittags, zu der Stunde, die einem jeden Ort gelegen ist, Katechismuspredigt also gehalten werden, daß der Kirchendiener fürs erste nach dem Gesang das Vaterunser bete und Gott um rechten Verstand seines Worts anrufe, darnach die Zehn Gebote verständlich dem Volk vorlese. Darauf soll er die Angehenden, welche die Fragen, so gepredigt werden, noch nicht lernen können, verhören und ordentlich erstlich eine Zeitlang auf die Texte, darnach auch allgemach auf die Fragestücke anleiten. Nach diesem lasse er etliche unter der Jugend eine gewisse Anzahl Fragen im Katechismus (wie wir dann denselben um dieser Ursache willen in Sonntage teilen lassen), so in vorgehenden und sonderlich in der nächsten Predigt erkläret worden und sie zuvor in der Schule oder daheim gelernet, aufsagen; und wenn diese also im Beisein der Gemeinde von etlichen aufgesagt worden, soll der Kirchendiener etliche folgende Fragen einfältig und kürzlich erklären und auslegen, also daß er den Katechismus zum wenigsten einmal alle Jahre auspredige.