Der Heidelberger Katechismus
Wir Friedrich, von Gottes Gnaden Pfalzgraf bei Rhein, des Heiligen Römischen Reiches Erztruchseß und Kurfürst, Herzog in Bayern etc., entbieten allen und jeden Unsern Superintendenten, Pfarrherrn, Predigern, Kirchen- und Schuldienern Unsers Kurfürstentums, der Pfalzgrafschaft bei Rhein, Unsere Gnade und Gruß und fügen Euch hiermit zu wissen:
Nachdem Wir Uns aus Erinnerung göttlichen Worts, auch natürlicher Pflicht und Verwandnis, schuldig erkennen und endlich fürgenommen Unser von Gott befohlenes Amt, Beruf und Regierung nicht allein zu friedlichem, ruhigem Wesen, auch zur Erhaltung züchtigen, aufrichtigen und tugendsamen Wandels und Lebens Unserer Untertanen zu richten und anzustellen, sondern auch und vornehmlich dieselbigen zu rechtschaffener Erkenntnis und Furcht des Allmächtigen und seines seligmachenden Worts als das einige Fundament aller Tugenden und Gehorsams je länger, je mehr anzuweisen und zu bringen; auch also sie zur ewigen und zeitlichen Wohlfahrt ungesparten Fleißes von Grund Unsers Herzens gern befördern und, soviel an Uns, dabei erhalten helfen wollten –
Und aber gleich anfangs in Eintretung Unserer Regierung erfahren: Wiewohl von Unsern lieben Vettern und Vorfahren, Pfalzgrafen, Kurfürsten etc. löblichen, seligen Gedächtnisses, allerhand christliche und nützliche Ordnungen und Vorbereitungen zur Beförderung solcher Ehre Gottes und Erhaltung bürgerlicher Zucht und Polizei aufgerichtet und fürgenommen –
Daß doch demselbigen nicht mit dem Ernst, wie es sich wohl gebühret, allenthalben nachgesetzt, viel weniger die erhoffte und begehrte Frucht daraus gefolget und gespürt worden, welches Uns denn verursacht, nicht allein dieselbige wiederum zu erneuern, sondern auch, da es die Notwendigkeit erfordert, in Verbesserung zu richten, zu erläutern und weitere Vorsehung zu tun. Also Wir auch in dem nicht den geringsten Mangel befunden, daß die blühende Jugend allenthalben, beides in Schulen und Kirchen Unsers Kurfürstentums, in christlicher Lehre sehr fahrlässig und zum Teil gar nicht, zum Teil aber ungleich und zu keinem beständigen, gewissen und einhelligen Katechismus, sondern nach eines jeden Vornehmen und Gutdünken angehalten und unterwiesen worden. Daraus denn neben andern vielfältigen großen Unrichtigkeiten erfolgt, daß sie oftmals ohne Gottesfurcht und Erkenntnis seines Worts aufgewachsen, keine einträchtige Unterweisung gehabt oder sonst mit weitläufigen, unnotdürftigen Fragen, auch bisweilen mit widerwärtiger Lehre beschweret worden ist.
Wenn nun beide christliche und weltliche Ämter, Regiment und Haushaltungen anders nicht beständiglich erhalten werden, auch Zucht und Ehrbarkeit und alle anderen guten Tugenden bei den Untertanen zunehmen und aufwachsen mögen, denn da die Jugend gleich anfangs und vor allen Dingen zu reiner, auch gleichförmiger Lehre des heiligen Evangeliums und rechtschaffener Erkenntnis Gottes angehalten und darinnen stetig geübet wird –
So haben Wir für eine hohe Notdurft geachtet, auch hierinnen, als dem vornehmsten Stück eines Unsers Regiments, gebührlich Einsehen zu tun, die Unrichtigkeit und Ungleichheit abzuschaffen und notwendige Verbesserung anzustellen –
Und demnach mit Rat und Zutun Unserer ganzen theologischen Fakultät allhier, auch allen Superintendenten und vornehmsten Kirchendienern, einen summarischen Unterricht oder Katechismus unserer christlichen Religion aus dem Wort Gottes, beides in deutscher und lateinischer Sprache, verfassen und stellen lassen, damit fürbaß nicht allein die Jugend in Kirchen und Schulen in solcher christlicher Lehre gottseliglich unterwiesen und dazu einhelliglich angehalten, sondern auch die Prediger und Schulmeister selbst eine gewisse und beständige Form und Maß haben mögen, wie sie sich in Unterweisung der Jugend verhalten sollen, und nicht ihres Gefallens tägliche Änderungen vornehmen oder widerwärtige Lehre einführen.
Euch hiermit alle und einen jeden besonders gnädiglich und ernstlich ermahnend und befehlend, Ihr wollet angeregten Katechismus oder Unterricht um der Ehre Gottes und Unserer Untertanen, auch Euerer Seelen selbst Nutz und Besten willen dankbarlich annehmen, auch denselbigen nach ihrem rechten Verstand der Jugend in Schulen und Kirchen, auch sonst auf der Kanzel dem gemeinen Mann fleißig und wohl einbilden, darnach lehren, tun und leben, ungezweifelter Hoffnung und Zuversicht, wenn die Jugend anfangs im Wort Gottes also mit Ernst unterwiesen und auferzogen, es werde der Allmächtige auch Besserung des Lebens, zeitliche und ewige Wohlfahrt verleihen und widerfahren lassen. Das wollen Wir Uns, wie oblaut, zu geschehen zu Euch endlich versehen.
Datum: Heidelberg, am Dienstag, dem neunzehnten Monatstag des Januars, nach Christi, unsers lieben Herrn und Seligmachers, Geburt im Jahr tausendfünfhundertdreiundsechzig.