Das Niederländische Glaubensbekenntnis

Artikel 14

Von des Menschen Schöpfung, Fall und Verderbnis

Wir glauben, daß Gott den Menschen aus dem Kot der Erde nach seinem Bild geschaffen hat1, gut, gerecht und heilig und in allem durchaus vollkommen und fähig, nach seinem eigenen Belieben seinen Willen nach dem Willen Gottes einzurichten und mit ihm übereinstimmend zu machen. Gott hat ihn geschaffen aus zwei Teilen2 bestehend, aus Körper und Seele, der Körper war aus der Erde gemacht, Atem und Leben aber hauchte ihm Gott ein, so daß der Mensch von solcher Vorzüglichkeit ist, daß der menschliche Geist dem nicht gewachsen ist, sie auszudrücken. Denn daß er so gewesen sei, daß ihm nichts mehr fehle, als daß er nicht Gott war, bezeugt David: »Mit Ehre und Zierde hast du ihn bekrönt.«3

Als er aber in der Ehre war, wußte er es nicht und erkannte seine Herrlichkeit nicht4 – er war dem Vieh ähnlich geworden –, sondern gab sich mit Wissen und Wollen der Sünde und infolgedessen dem Tod und der Verdammnis hin, als er, den Worten und Täuschungen des Teufels sein Ohr leihend5, das Gebot des Lebens überschritt, das er von Gott empfangen hatte6, und entfernte und entfremdete sich von Gott (seinem wahren Leben) durch die Sünde7 und verdarb seine ganze Natur und machte sie sündhaft8. Dadurch machte er sich sowohl des leiblichen als des geistigen Todes schuldig9, wurde gottlos und verkehrt und in allen seinen Wegen und Bestrebungen verdorben und verlor alle seine herrlichen Gaben, die er von Gott empfangen hatte10, so daß ihm nur ganz kleine Funken derselben und Spuren geblieben sind11, welche hinreichen, den Menschen alle Entschuldigung zu nehmen12, aber keineswegs, um uns gut und Gott wohlgefällig zu machen, da alles Licht in uns in dunkle Finsternis verwandelt ist13, wie die Schrift selbst lehrt, indem sie sagt: »Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.«14 Denn hier nennt Johannes die Menschen deutlich Finsternis. Und im Psalm wird gesagt: »Bei dir, Herr, ist der lebendige Brunnen; in deinem Licht sehen wir das Licht.«15

Deshalb verwerfen wir mit Recht alles, was man hiergegen vom freien Willen des Menschen lehrt, da der Mensch ein Knecht der Sünde ist16 und nichts Gutes aus sich kann, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist17. Denn wer möchte wagen, sich zu rühmen, daß er alles, was er wolle, leisten könne, da Christus selbst sagt: »Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn der Vater ziehe, der mich gesandt hat«18? Der heilige Paulus bezeugt, daß der natürliche Mensch so sei, wie ihn Adam in seinem Fall gemacht hat19. Wer wollte sich mit seinem Willen brüsten, der einsieht, daß der Sinn des Fleisches eine Feindschaft ist wider Gott20? Wer wollte sich seiner Einsicht rühmen, der weiß, daß der Mensch, der durch seine natürliche Seele allein geleitet wird, nicht faßt die Geheimnisse des Geistes Gottes21? Überhaupt, wer wollte irgendeinen seiner Gedanken vorbringen, der weiß, daß wir nicht fähig sind, aus uns selbst irgend etwas zu denken, sondern daß alles das, wozu wir fähig sind, aus Gott ist22? Denken ist noch weniger als tun. Gewiß und fest muß daher bleiben, was der Apostel gesagt hat: »Denn Gott ist es, der in euch wirkt, beide das Wollen und das Tun, nach seinem Wohlgefallen.«23 Denn keine Einsicht und kein Wille ist mit dem Sinn und Willen Gottes übereinstimmend, den nicht Christus im Menschen gewirkt hat, was er uns selbst lehrt, indem er sagt: »Ohne mich könnt ihr nichts tun.«24 Christus sagt auch dies: »Ein jeder, der Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.«25 Wo ist daher sein freier Wille?

1) 1. Mos. 1, 27; Pred. 7, 29
2) 1. Mos. 1, 31; Eph. 4, 24
3) Ps. 8, 6
4) Ps. 49, 21
5) 1. Mos. 3, 6
6) 1. Mos. 3, 7
7) Jes. 59, 2
8) Eph. 4, 18
9) 1. Mos. 2, 17; 3, 19; Röm. 5, 12
10) Röm. 3, 10 ff.
11) Apg. 14, 17; 17, 27
12) Röm. 1, 20. 21
13) Eph. 5, 8; Matth. 6, 23
14) Joh. 1, 5
15) Ps. 36, 10
16) Joh. 8, 34; Röm. 6, 17; 7, 5. 17
17) Jes. 26, 12; Joh. 3, 27
18) Joh. 6, 44. 65
19) Röm. 5, 12–14
20) Röm. 8, 7
21) 1. Kor. 2, 14; Ps. 94, 11
22) 2. Kor. 3, 5
23) Phil. 2, 13
24) Joh. 15, 5
25) Joh. 8, 34