Das Niederländische Glaubensbekenntnis
Von der Menschwerdung des Sohnes Gottes
Wir bekennen daher, daß Gott die Verheißung, die den Vätern durch den Mund der heiligen Propheten1 gemacht war, erfüllt habe, als er in der von ihm bestimmten Zeit diesen seinen einzigen und ewigen Sohn in diese Welt schickte, der die Gestalt eines Knechtes an sich genommen und ist gleich wie ein anderer Mensch geworden2 und wahrhaft menschliche Natur mit allen ihren Schwachheiten (die Sünde ausgenommen3) wahrhaft annahm, als er empfangen wurde im Schoß der heiligen Jungfrau Maria, durch Kraft des Heiligen Geistes, ohne alle Einwirkung eines Mannes4. Diese menschliche Natur nahm er ferner nicht bloß hinsichtlich des Körpers, sondern auch hinsichtlich der Seele an, denn er war mit einer wahrhaft menschlichen Seele begabt5, so daß er ein wahrer Mensch war. Denn da die Seele nicht weniger als der Körper selbst der Verdammnis schuldig war, so war es notwendig, daß er diesen so wie jene annahm, damit er beide zugleich erlöste.
Deshalb bekennen wir gegen die Ketzerei der Anabaptisten6, die da leugnen, daß Christus menschliches Fleisch angenommen habe, daß Christus desselben Fleisches und Blutes ist teilhaftig gewesen wie auch die Kinder7, aus den Lenden Davids dem Fleische nach8, geworden von dem Samen Davids nach dem Fleische9, eine Frucht aus dem Leib der Jungfrau Maria10, aus einem Weib geboren11, Sproß Davids12, Zweig vom Stamm Jesse13 aus dem Stamm Juda14 und von den Juden selbst herstammend nach dem Fleische15 und überhaupt wahrer Samen Abrahams und Davids16, da er den Samen Abrahams an sich nahm und seinen Brüdern in allem gleich geworden ist17, die Sünde ausgenommen, geboren aus der Maria, so daß er auf diese Weise wahrhaft geworden ist unser Immanuel, das ist »Gott mit uns«18.
1)
Luk. 1, 55;
1. Mos. 26, 4;
Ps. 132, 11;
Jes. 11, 1;
Apg. 13, 23
2)
Phil. 2, 7;
1. Tim. 2, 5;
3, 16
3)
Hebr. 2, 14. 15;
4, 15
4)
Luk. 1, 31.
34. 35
5)
Matth. 26, 38;
Joh. 12, 27;
Luk. 23, 46;
Joh. 19, 30
6)
Die Anabaptisten oder Wiedertäufer waren eine schwärmerische Sekte zur Zeit der Reformation, Thomas Müntzer ihr Hauptanführer. Sie waren in die Unruhen des Bauernkrieges verwickelt, und Müntzer wurde deshalb mit mehreren Anhängern 1525 hingerichtet. Die Sekte verbreitete sich besonders in die Schweiz und die Niederlande, wo Johann Bockholdt von Leyden besonders berüchtigt geworden ist. Auch er wurde 1535 hingerichtet und seine Rotte zerstreut. Überreste blieben noch lange trotz blutiger Verfolgung.
7)
Hebr. 2, 14
8)
Apg. 2, 30
9)
Röm. 1, 3
10)
Luk. 1, 26 ff.
11)
Gal. 4, 4
12)
Jer. 33, 15
13)
Jes. 11, 1
14)
Hebr. 7, 14
15)
Röm. 9, 5
16)
1. Mos. 22, 18;
Gal. 3, 16;
2. Sam. 7, 12;
Matth. 1, 1
17)
Hebr. 2, 16. 17
18)
Jes. 7, 14;
Matth. 1, 23