Das Niederländische Glaubensbekenntnis

Vorrede

Die Gläubigen in den Niederlanden, welche nach der wahren Reformation des Evangeliums unseres Herrn Jesus Christus zu leben begehren, an den unüberwindlichen König Philipp, ihren obersten Herrn

Wenn es uns erlaubt wäre, o gnädigster Herr, uns vor Ew. Majestät zu stellen, um uns zu rechtfertigen von den Anklagen, mit denen man uns beschwert, und die Gerechtigkeit unserer Sache zu beweisen, so würden wir dies heimliche Mittel nicht suchen, um Euch das Schluchzen Eures Volkes durch eine stumme Bittschrift oder ein geschriebenes Bekenntnis zu erkennen zu geben. Aber nachdem unsere Feinde Eure Ohren mit so viel falschen Anklagen und Berichten erfüllt haben, daß uns nicht allein versagt ist, vor Eurem Angesicht zu erscheinen, sondern daß wir auch verjagt sind aus Eurem Land, ja ermordet und verbrannt sind, an was für Orten wir gefunden wurden, so gewährt uns doch zum wenigsten, gnädigster Herr, im Namen Gottes das, was kein Mensch nicht einmal den Tieren verweigern kann, zu erlauben nämlich, daß unser klägliches Rufen wie von ferne zu Euren Ohren dringt, damit, wenn Ew. Majestät uns gehört hat und uns schuldig findet, sich dann die Feuer vermehren und die Peinigungen und Folterungen sich vervielfältigen in Eurem Königreich; und im Gegenteil, wenn unsere Unschuld vor Euch offenbar wird, Ihr uns seid eine Stütze und Zuflucht gegen die Gewalt unserer Feinde. Denn ach, gnädigster Herr, wenn es genügt zu beschuldigen, wenn jeder Weg und jedes Mittel der Verteidigung den Beschuldigten genommen wird, wer wird dann gerecht befunden werden? Wessen Unschuld wird dann unter den Menschen geschützt sein?

Wir sind, sagen sie, Ungehorsame, Aufrührerische, die nichts anderes begehren, als alle politische und bürgerliche Herrschaft zu brechen und Unordnung und Verwirrung in die Welt einzuführen und nicht allein uns zu befreien von Eurer Herrschaft und Hoheit, sondern auch das Zepter aus Euren Händen zu reißen. O Missetaten, nicht würdig unseres Bekenntnisses, nicht würdig eines Christen, nicht würdig des gemeinsamen Menschennamens, würdig, daß das alte Sprichwort der Tyrannen wieder vorgebracht wird: Die Christen werft den Tieren vor! Aber es ist nicht genug zu beschuldigen, es bedarf des Beweises. Die Propheten, die Apostel und die von der ersten Kirche Jesu Christi sind bedrückt und beschuldigt gewesen, ja nach den äußerlichen Ansichten und dem fleischlichen Urteil der Menschen unterdrückt mit gleichen Lästerungen. Aber gleich wie sie zu ihren Zeiten öffentlich gezeugt und protestiert haben, so protestieren und bezeugen wir vor Gott und seinen Engeln, daß wir nichts mehr begehren, als im Gehorsam gegen die Obrigkeit in Reinheit des Gewissens zu leben, Gott zu dienen und uns nach seinem Wort und seinen heiligen Geboten zu reformieren. Und außer diesem verborgenen Zeugnis unserer Gewissen können diejenigen, welche über unsere Angelegenheiten, Meinungen und Urteile Richter sind, gute Zeugen sein, daß sie an uns nichts bemerkt haben, was sich zum Ungehorsam hinneigte, der gegen Ew. Majestät wäre oder die öffentliche Ruhe störte. Vielmehr haben sie gefunden, daß wir in unseren Versammlungen bitten für die Könige und Fürsten dieser Erde und insonderheit für Euch, o gnädigster Herr, und diejenigen, welche Ihr eingesetzt habt zur Regierung und Verwaltung Eurer Landschaften, Länder und Herrschaften. Denn wir sind gelehrt sowohl durch das Wort Gottes als durch die fortwährende Unterweisung unserer Lehrer, daß die Könige, Fürsten und Obrigkeiten durch Gottes Anordnung sind und daß, wer der Obrigkeit widersteht, der Anordnung Gottes widersteht und die Verdammnis empfangen wird. Wir wissen und bekennen, daß durch die ewige Weisheit Gottes die Könige herrschen und die Fürsten Recht sprechen, kurz, daß sie nicht durch Unrecht oder Tyrannei dazu gekommen sind, sondern durch die eigene Einsetzung Gottes. Und um zu beweisen, daß dies nicht nur in unserem Mund, sondern ins Innerste unserer Herzen eingedrückt und eingeprägt ist: Sind unter uns einige gefunden, die Euch, gnädigster Herr, die Abgaben oder den Zoll, der ihnen auferlegt ist, zu bezahlen sich geweigert haben? Im Gegenteil hat jeder sogleich gehorcht und bezahlt, sobald der Befehl dazu gegeben war. Ist eine Waffenerhebung oder ein Ratschlag jemals entdeckt worden, selbst als wir durch diejenigen, welche sich mit Eurem Namen und Eurer Macht decken, um sich aller Grausamkeit hinzugeben, so grausam gepeinigt und gefoltert wurden, daß es hinreichte, um die Geduld des Allergutherzigsten und -sanftmütigsten aufzubringen und sie in Haß und Verzweiflung zu verwandeln? Aber wir danken unserem Gott, daß das Blut unserer Brüder, vergossen für unsere Sache oder vielmehr für die Sache Jesu Christi und das Zeugnis der Wahrheit, bezeugt und daß Verbannung, Gefängnis, Folter, Vertreibung, Marter und andere unzählige Bedrückungen deutlich beweisen, daß unser Verlangen und unsere Forderung nicht fleischlich ist, da wir, ohne diese Lehre zu verteidigen, weit besser zu unserer Gemächlichkeit leben könnten dem Fleische nach. Aber indem wir die Furcht Gottes vor Augen haben und erschreckt sind durch diese Drohung Jesu Christi, der sagt, daß er uns vor Gott, seinem Vater, verleugnen wird, wenn wir ihn verleugnen vor den Menschen1, so geben wir unseren Rücken den Schlägen hin, unsere Zunge dem Messer, unseren Mund dem Foltergebiß und unseren ganzem Leib dem Feuer, indem wir wissen, daß, wer Christus folgen will, sein Kreuz auf sich nehmen muß und sich selbst verleugnen2. Und ein wohlgeordneter Geist, nicht blind und der Sinne beraubt, wird sich niemals einbilden können, daß diejenigen dahin arbeiten, alles aufzurühren, welche ihr Vaterland, ihre Eltern, ihre Freunde verlassen, um in Frieden und Ruhe zu leben; daß diejenigen die Absicht haben, dem König seine Krone zu rauben oder betrüglich irgend etwas gegen ihn vorzunehmen, welche für das Evangelium sterben, worin sie geschrieben sehen: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist«3, und die ihren Leib und ihre Güter dem König darbringen und übergeben, indem sie demütig Se. Majestät bitten, daß es ihnen erlaubt sei, Gott zu geben, was er verlangt und was wir ihm füglich nicht verweigern können, da er uns ja hat wissen lassen, daß er uns erkauft hat durch einen teuren Preis4.

Es ist auch nicht nötig, daß unsere Feinde dermaßen Eure Güte und Macht mißbrauchen, daß Ihr sie hören müßt, wenn sie Euch bemerklich machen, daß wir, da wir nur eine kleine Zahl sind, uns gegen Euch nicht empören werden – als wenn jeder von uns ungehorsam wäre und widerspenstig in seinem Herzen und nichts anderes wollte, als die Menge für sich ins Feld stellen, um Euch anzugreifen und ihre Wut auszulassen! Denn sie verhehlen es, gnädigster Herr, daß es in Euren Niederlanden mehr als hunderttausend Menschen gibt, welche der Religion, deren Bekenntnis wir Euch jetzt überreichen, anhängen und folgen; und nichtsdestoweniger hat niemand von ihnen irgendeine Veranstaltung zum Aufruhr gesehen, und man hat nicht einmal ein Wort gehört, was dahin zielte. Das, was wir von der großen Zahl unserer Brüder sagen, geschieht nicht, gnädigster Herr, um auch nur einen einzigen von Euren Beamten oder Dienern zu erschrecken oder einzuschüchtern, sondern nur, sowohl um die Verleumdungen derjenigen zu widerlegen, die uns nicht anders verhaßt machen können als durch Lügen, als auch Euch zum Mitleiden zu bewegen. Denn ach, wenn Ihr Euren Arm ausstreckt, um ihn einzutauchen und zu waschen im Blut von so vielen Menschen – o Gott! –, welche Trostlosigkeit werdet Ihr bei Euren Untertanen verursachen! Welche Wunde unter Euerm Volke! Welche Tränen, welche Seufzer, welche Klagen der Frauen, Kinder, Eltern und Freunde! Welches Auge wird trocken und ohne sich in Tränen zu baden, sehen können, daß so viele ehrenwerte Bürger, von jedem geliebt und von niemandem gehaßt, nach dunklem und furchtbarem Gefängnis, nach Folter und Unterdrückungen überliefert werden einem Tod und einer Pein, die die schmachvollste und die grausamste und ausgesuchteste ist, welche die Tyrannen, Heiden und Gottlosen jemals haben aussinnen können! Und währenddessen irren ihre Frauen, wenn sie haben entrinnen können, in fremden Ländern umher, ihr Brot von Tür zu Tür erbettelnd, mit ihren Kindern, die sich an sie anklammern. Gnädigster Herr! Daß die Nachkommenschaft Eure Herrschaft nicht als blutig und grausam bezeichne, daß man nicht sage, daß die Achtung Eurer Vorfahren, die Größe Eures Vaters und Eure eigenen Tugenden und großen Taten durch die Grausamkeit verdunkelt sind – wir sagen Grausamkeit, die den wilden Tieren eigen ist und unter der Würde des Menschen, aber ganz unwürdig und sogar feind eines Fürsten und Herrn, dessen Größe und besondere Tugend in Güte und Milde besteht, dem wahren Kennzeichen und der Eigenschaft, wodurch sich ein König von einem Tyrannen unterscheidet!

Denn da man uns verfolgt nicht allein als Feinde Eurer Krone und des öffentlichen Wohls, sondern auch Gottes und seiner Kirche, so bitten wir Euch demütig, daß es Euch beliebe, nur nach dem Glaubensbekenntnis, das wir Euch überreichen, zu urteilen, indem wir bereit und entschlossen sind, wenn es nötig ist, es mit unserem Blut zu besiegeln. Durch dieses werdet Ihr, wie wir hoffen, erkennen, daß man uns mit Unrecht Schismatiker und Störer der Einigkeit, Aufrührer und Ketzer nennt, da wir ja nicht allein billigen und bekennen die Hauptpunkte der christlichen Religion, enthalten im Symbolum und dem allgemeinen Bekenntnis, sondern die ganze durch Jesus Christus geoffenbarte Lehre zu unserem Leben, Rechtfertigung und Heil, verkündet durch die Evangelisten und Apostel, besiegelt durch das Blut so vieler Märtyrer, rein und ganz bewahrt in den ersten Kirchen, bis daß durch die Unwissenheit, die Habsucht und den Ehrgeiz der Prediger und durch menschliche Erfindungen und Überlieferungen, die der Reinheit des Evangeliums entgegen sind, sie verdorben ist; von der unsere Gegner unverschämt leugnen, daß sie sei die Kraft Gottes zur Seligkeit für jeden Gläubigen (Röm. 1, 16). Wenn sie uns verdammen und töten, weil wir nicht glauben, was sich in ihr nicht findet, können sie sich nicht von der Lästerung gegen den Heiligen Geist freisprechen; wenn sie sagen, daß nicht alle Schätze der Weisheit Gottes und die hinreichenden und notwendigen Mittel zum Heil im Alten und Neuen Testament enthalten sind, sondern daß ihre Erfindungen notwendig sind; daß der verflucht und der menschlichen Gesellschaft unwürdig ist, würdig, hinsichtlich seines Leibes vertilgt zu werden und hinsichtlich seiner Seele in den Abgrund der Hölle zu fahren, welcher sie nicht für derselben oder noch höherer Größe und Würde als das Evangelium achtet. Die Schwachheit unseres Fleisches zittert vor diesen Worten, erschreckt durch die Drohungen derjenigen, welche die Macht haben, es zu verbrennen. Von der anderen Seite aber hören wir, was der Apostel sagt: »Wenn selbst ein Engel vom Himmel euch anders predigt als wir euch gepredigt haben, so sei er ein Fluch«5; wir hören den heiligen Johannes seine Prophezeiung mit diesen Worten schließen: »Ich bezeuge einem jeden, der die Worte dieses Buches hört: So jemand etwas dazusetzt, so wird Gott über ihn setzen die Plage, die in diesem Buche beschrieben steht«6. Mit einem Wort: Wir sehen, daß uns befohlen ist, einzig dem Wort Gottes zu folgen (und nicht allein dem, was uns gut scheint), mit dem Verbot, nichts zuzusetzen oder abzunehmen von den heiligen Geboten des großen Gottes7. Jesus Christus sagt uns, daß er uns kundgetan hat alles das, was er von seinem Vater gehört hat8. Und wenn er wegen der Schwachheit der Apostel ihnen einiges verborgen hat, so hat er ihnen versprochen, es ihnen zu offenbaren durch den Heiligen Geist, den er ihnen schicken würde9. Wir sind überzeugt (da es die Wahrheit selbst ist) daß er sein Versprechen erfüllt hat, der Art, daß diese Geheimnisse enthalten sind im Evangelium und den Schriften der Apostel, verfaßt nach gesagtem Versprechen und Empfang des Heiligen Geistes. Daraus ist klar, daß diejenigen die Stelle des Evangeliums mißbrauchen, welche unter dem Wort »Geheimnis«, das die Apostel nicht hätten fassen können, ihre Zeremonien und den überflüssigen Aberglauben verstehen, die dem Wort Gottes zuwider sind. Denn wir würden uns erbieten, und es würde uns leicht sein, es zu beweisen durch das Zeugnis der Schrift, wenn wir nicht mit Rücksicht auf die Art und die Kürze, deren man sich in einem Brief bedienen muß, fürchteten, Ew. Majestät zu belästigen, indem wir Euch demütig bitten im Namen dessen, der Euch eingesetzt hat und Euch erhält in Eurem Reich, daß Ihr nicht leidet, daß diejenigen, welche aus Habsucht, Ehrgeiz und anderen bösen Leidenschaften es unternommen haben, sich Eures Arms, Eures Ansehens und Eurer Macht zu bedienen, um ihre Begierden zu befriedigen, sich mit dem Blut Eurer Untertanen sättigen und anfüllen, indem sie allen Eifer der Gottesfurcht und der Religion mit den Benennungen Aufruhr, Abfall, Ärgernis und anderem, womit sie Euch gegen uns reizen, bedecken und verhüllen. Aber ach, gnädigster Herr, bedenkt, daß die Welt immer das Licht gehaßt10 und sich der Wahrheit widersetzt hat; indessen ist der, welcher das Wort der Wahrheit im Mund führt, ein Aufrührer, wenn die Menschen sich ihr widersetzen? Im Gegenteil müssen wir Aufruhr und Ärgernis dem unversöhnlichen Feind Gottes und der Menschen zuschreiben, dem Teufel, der, um sein Reich nicht zu verlieren, das in Götzendienst, falscher Verehrung, Hurerei und anderen unvergleichlichen Lastern besteht, die durch das Evangelium abgeschnitten sind, sich empört und aufsteht, seinen Lauf zu hemmen. Nehmt dazu die Undankbarkeit der Welt, welche, statt das Wort ihres Meisters, Hirten und Gottes mit Danksagung anzunehmen, sich widersetzt, statt alles Grundes nur die Länge der Zeit anführt, in der sie in ihrem Irrtum gelebt hat, indem sie durch die Vorschrift der Zeit dem widerstehen will, der Welt und Ewigkeit gemacht hat und vor dem alle Dinge gegenwärtig sind!

Euch, gnädigster Herr, Euch kommt es zu, Euch über diese Dinge zu unterrichten, um Euch den Irrtümern zu widersetzen, da sie tief eingewurzelt sind durch die Länge der Zeit, und die Unschuld derer zu verteidigen, die bis jetzt im Gericht mehr unterdrückt als gehört sind. So wolle der Herr Euch segnen und bewahren, der Herr wolle leuchten lassen sein Angesicht über Euch und möge Euch beschützen und erhalten in allem Glück. Amen.

1) Matth. 10, 33; Luk. 9, 26
2) Matth. 16, 24; Luk. 9, 23
3) Matth. 22, 21
4) 1. Kor. 6, 20
5) Gal. 1, 8. 9
6) Off. 22, 19
7) 5. Mos. 4, 12
8) Joh. 15, 15
9) Joh. 16, 12. 15
10) Joh. 3, 19. 20