Predigt über Apostelgeschichte 16, 30–31
von Rev. Herman Hoeksema †
Professor an der Protestant Reformed Theological School
aus dem Amerikanischen übersetzt von Carsten Linke
Das Wort Gottes, für das ich um eure Aufmerksamkeit bitte, findet sich in Apostelgeschichte 16, 30–31:
»Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muß ich tun, daß ich errettet werde? Sie aber sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden, du und dein Haus.«
Dieses Stück Heilsgeschichte, Geliebte, aus dem ich die Worte meines Textes für den heutigen Abend ausgewählt habe, ist so bekannt, daß ich es euch nicht näher vorzustellen brauche. Der Text spricht zu uns von der Berufung des Kerkermeisters in Philippi. Und ich möchte eure Aufmerksamkeit erstens auf das Wunder dieser Berufung richten, zweitens auf den Zweck dieser Berufung (wozu er berufen wurde) und drittens auf die Frucht dieser Berufung.
Vieles ist über diesen Text gesagt worden, Geliebte, und viele Irrtümer sind mit diesem Text verbunden. Ich erinnere mich an meine erste Gemeinde – ich hatte übrigens nur zwei. Wenn ich in meiner ersten Gemeinde, in Holland, die Wahrheit der souveränen Gnade Gottes predigte (und nichts anderes!), so kamen sie anschließend oftmals zu mir, beriefen sich auf diesen Text und sagten: »Ja, Dominee, aber wir müssen glauben!« Wir müssen glauben … Und natürlich schwang als Unterton mit: »Wer wollte das bestreiten?« Aber, Geliebte, wenn sie in meiner ersten Gemeinde mit dieser Aussage zu mir kamen, die in solch eigentümliches Licht getaucht war, so antwortete ich für gewöhnlich: »Nein, das ist nicht wahr. Das ist nicht wahr.« – »Was?«, entgegneten sie dann, »müssen wir etwa nicht glauben?« Ich erwiderte: »Nein. Nein, wir müssen nicht glauben. Warum sagt ihr nicht: ›Wir glauben‹? Wenn ihr sagt: ›Wir müssen glauben‹, so könntet ihr meinen, daß wir etwas tun müßten, daß es unsere Verantwortung sei zu glauben, daß es an uns liege zu glauben, daß wir nicht gerettet werden könnten, wenn wir nicht glaubten, daß Glaube eine Bedingung sei, eine Bedingung für die Erlösung.« Das war es nämlich, was sie meinten. Und darum entgegnete ich auf ihre Aussage für gewöhnlich: »Nein.« Als der Kerkermeister fragte: »Was muß ich tun, daß ich errettet werde?«, antwortete der Apostel Paulus in Wirklichkeit: »Du mußt gar nichts tun. Du mußt glauben, das aber ist nichts, was man tun müßte, sondern eine Gabe Gottes.«
Und, Geliebte, es ist doch wirklich seltsam, daß man immer wieder versucht hat, dieses einfache Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu verfälschen, es so zu verfälschen, daß irgendwie der Mensch hineinkommt, daß der Mensch irgend etwas tun muß, daß der Mensch irgendwelche Bedingungen erfüllen muß, und sei es nur die Bedingung des Glaubens. Ich meine, das ist seltsam, nicht weil es nicht unserer sündigen menschlichen Natur entsprechen würde, denn das tut es gewiß: Es ist unzweifelhaft sündig-menschlich, etwas zu seiner Erlösung beitragen zu wollen, etwas mit seiner eigenen Erlösung zu tun haben zu wollen. Ich glaube, das ist sündig-menschlich. Aber andererseits ist es so seltsam, weil der Heiligen Schrift solcherlei Gedanken völlig fremd sind. So ist es auch hier. Die ganze Geschichte vom Kerkermeister, Geliebte, ist eine einzige großartige und wunderschöne Illustration jener Wahrheit, die in Epheser 2, 8 ausgedrückt ist: »Aus Gnade seid ihr errettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es.« Diese ganze Geschichte – wenn man es denn Geschichte nennen kann; es ist Super-Geschichte, es ist keine gewöhnliche Geschichte, es ist Geschichte, die über der Geschichte steht, Geliebte – diese ganze Geschichte von der Bekehrung, oder besser: von der Berufung des Kerkermeisters ist ein einziges großes Wunder! Nichts anderes. Sie ist ein Wunder, ein Wunder von Anfang bis Ende, ein überwältigendes Wunder! Das liegt dem ganzen Text zugrunde.
Daß es sich so verhält, wird bereits deutlich, wenn wir für einen Augenblick die Berufung des Kerkermeisters betrachten, die Berufung. Die Art und Weise, wie er berufen wurde, war ein Wunder. Bedenkt, daß es vier Elemente in dieser Berufung gibt, vier Elemente, die ich kurz erörtern muß. Da wäre zunächst das Erdbeben. Das war zweifellos ein Wunder, ein Wunder, welches von Christus gewirkt wurde. Christus war in dem Erdbeben! Zweitens die Verzweiflung des Kerkermeisters. Er wollte sich umbringen! Auch das war ein Wunder, ein Wunder von Christus. Drittens der Ausruf des Kerkermeisters: »Ihr Herren, was muß ich tun, daß ich errettet werde?« Keine Frage, daß das ein Wunder war. Und viertens wurde dem Kerkermeister das Evangelium verkündet, und das ist eines der größten Wunder überhaupt: die Verkündigung des Evangeliums: »Glaube an den Herrn Jesus Christus, und du wirst errettet werden!« Alles Wunder! Und ich sage erneut: Wie jemand in diese Geschichte Bedingungen oder irgendeinen Beitrag des Menschen hineinlesen kann, ist mir ein Rätsel.
Laßt mich das ganze nun kurz entfalten. Da wäre zum einen das Erdbeben. Dieses Erdbeben war zweifellos ein Wunder. In gewisser Hinsicht sind alle Erdbeben Wunder – in gewisser Hinsicht. Doch dieses Erdbeben war ein ganz besonderes Wunder, was uns sehr schnell klar wird, wenn wir für einen Augenblick den Zeitpunkt und den Ort und die Auswirkungen dieses Erdbebens betrachten. Das Erdbeben geschah genau zu dem Zeitpunkt, an dem der Kerkermeister berufen werden sollte. Das Erdbeben beschränkte sich offensichtlich auf das Gefängnis. Wir lesen nichts von irgendwelchen anderen Gebäuden in der Stadt, die von dem Erdbeben getroffen wurden, sondern nur das Gefängnis wurde erschüttert. Drittens wurde das Gefängnis auf eine Art und Weise erschüttert, daß es nicht zerstört wurde. Das Gefängnis wurde keineswegs zerstört, sondern die Türen des Gefängnisses öffneten sich, und die Fesseln der Gefangenen lösten sich. Das ist ein sehr merkwürdiges Erdbeben! Und darum war dieses Erdbeben ein Erdbeben von Christus, ein Erdbeben zu einem ganz besonderen Zweck, Geliebte.
Nun ist ein Wunder im allgemeinen jene Kraft Gottes, durch die er die fluchbeladene Welt aus Sünde und Vernichtung in die ewige Herrlichkeit seines ewigen Reiches erhebt. Das ist das Wesen eines Wunders, darin besteht das Wesen eines jeden Wunders. Ob ihr nun von besonderen Wundern sprecht, wie dem Aufwecken der Toten oder der Reinigung der Aussätzigen oder dem Öffnen der Augen der Blinden oder der Heilung der Gelähmten, oder ob ihr ganz allgemein von einem Wunder sprecht: Ein Wunder ist immer ein Werk der Gnade Gottes! Und ein Wunder ist immer ein Zeichen dafür, daß Gott die fluchbeladene Welt aus Sünde und Tod und Vernichtung in die Herrlichkeit seines ewigen Reiches und Bundes erhebt. Das ist das Wesen eines Wunders.
Aber ein Erdbeben ist ein ganz besonderes Zeichen eines solchen Wunders. Ein Erdbeben, Geliebte, zeigt an, daß das Reich Gottes – bildlich gesprochen – die gegenwärtige Welt durchbricht. Ein Erdbeben verkündet laut: »Die Gestalt dieser Welt vergeht!« Das macht ein Erdbeben, jedes Erdbeben. Ein Erdbeben verkündet: »Die Gestalt dieser Welt vergeht!« Doch das Erdbeben verkündet auch, daß, indem die Gestalt dieser Welt vergeht, die neue Welt zum Vorschein kommt, das neue Reich, der neue Bund, die ewige Welt des Reiches Gottes von ewiger Herrlichkeit. Das ist ein Erdbeben, das ist das Zeichen eines Erdbebens. Das Erdbeben öffnet den Weg für das Himmelreich.
Nun mögen wir fragen, was das Erdbeben hier soll. Warum dieses Erdbeben? Geliebte, das Erdbeben meinte in diesem besonderen Fall natürlich den Kerkermeister. Oh, wir mögen sagen, daß das Erdbeben auch ein Zeichen für Paulus und Silas gewesen sei, oder möglicherweise ein Zeichen für die Kirche in Philippi. Ich will nicht ausschließen, daß das der Fall gewesen sein könnte, aber gleichwohl ist der Punkt der, daß Gott hier im Gefängnis von Philippi einen seiner Erwählten hatte. Das ist alles. Einen seiner Erwählten. Und glaubt mir: Selbst wenn der Herr die ganze Welt auf den Kopf stellen müßte, er wird mit Sicherheit diesen einen Erwählten erretten! Das gilt immer. Er wird ihn mit Sicherheit erretten. Das gilt für jeden einzelnen Erwählten, das gilt für die Kirche als ganzes: Egal was kommt, Gott wird mit Sicherheit seine Kirche erretten! Darauf könnt ihr euch verlassen. Ihr habt nichts gegenteiliges zu befürchten. Gott wird seine Kirche erretten. So auch hier: Da war ein Erwählter und sein Haus, eine erwählte Familie, und Gott wollte diesen einen Erwählten, den Kerkermeister, und seine Familie erretten, koste es, was es wolle. Denn es erforderte einiges, Geliebte, diesen Kerkermeister zu bekehren. Keine Frage, daß es einiges erforderte. Er war nicht so wie Paulus. Auch Paulus wurde auf dem Weg nach Damaskus berufen und bekehrt, aber letztendlich war Paulus doch schon von Geburt an wiedergeboren, nicht wahr? Die Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus war eine Bekehrung aus dem Alten Testament in das Neue, keine Bekehrung aus tiefster Finsternis zum Licht. Es war eine Bekehrung vom Gesetz zu Christus. Der Kerkermeister aber war ein Heide! Aber darin liegt der Kern dieser wunderschönen Geschichte: Gott wollte seine Macht darin erweisen, diesen Erwählten ohne irgendeine menschliche Mitwirkung zu erretten. Das wollte er damit zeigen. Und so geschah es.
Jetzt gebt acht: Das Erdbeben, das äußerliche Erdbeben, fand eigentlich im Herzen und in der Seele des Kerkermeisters statt! Das war das wahre Erdbeben. Das Erdbeben in der Natur war nur ein Zeichen des Erdbebens, das das Herz und die Seele des Kerkermeisters erschütterte. Daß es genau so war, kann ich sehr einfach zeigen. Bedenkt: Wenn ich vom Erdbeben im Herzen und in der Seele des Kerkermeisters rede, dann meine ich, daß das Reich Gottes die Verderbtheit seines sündigen Herzens durchbrach. Nennt es Wiedergeburt, nennt es Berufung, nennt es Glauben, nennt es Bekehrung, nennt es, wie immer ihr wollt: der Punkt ist, daß das Erdbeben in der Natur nur ein Zeichen des Erdbebens war, das grundsätzlich das Herz des Kerkermeisters erschütterte, und zwar so, daß in seinem Herzen das Reich Gottes die Macht von Sünde und Tod durchbrach, die sein Herz und seine Seele erfüllt hatten. Das war das wahre Erdbeben. Und somit war es viel mehr als ein Erdbeben, viel mehr als ein natürliches Erdbeben, viel mächtiger, viel bedeutsamer. Und daß es so war, Geliebte, wird deutlich aus dem folgenden Geschehen. Seht, der Kerkermeister schlief tief und fest. Auch das ist erstaunlich. Er sollte nicht schlafen, natürlich nicht. Er sollte seine Gefangenen bewachen. Ein römischer Kerkermeister schlafend? Undenkbar! Und doch schlief er – ich glaube, daß Christus ihn in diesen tiefen Schlaf versetzt hatte. Und dann wachte er auf wegen des Erdbebens! Das heißt, er wachte auf, weil Christus ihn aufweckte! Christus sprach zu ihm – das wollen wir nicht übersehen – Christus sprach zu ihm, Geliebte, nicht mit vielen Worten, sondern durch das Erdbeben: »Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!« Oh, der Kerkermeister wußte nicht, wie ihm geschah, natürlich nicht. Er wußte nicht, was geschehen war, er wußte nichts von Christus. Er wußte nichts von Christus, wußte nichts vom Evangelium. Es war ein einziges Wunder, denn er wußte nichts. Aber Christus hatte das Wissen! Und Christus richtete durch das Erdbeben unmißverständlich sein machtvolles Wort an den Kerkermeister: »Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und ich werde dir leuchten!« Das war das Erdbeben, das Erdbeben in der Seele des Kerkermeisters. Daß es so war, wird vor allem an seiner Verzweiflung deutlich. Er kannte nicht einmal den wahren Grund seiner Verzweiflung. Er wußte nicht, wie ihm geschah. Bedenkt, daß er nichts von Christus wußte, nichts von der Gerechtigkeit Christi, nichts vom Evangelium, absolut nichts – und doch wirkte Christus in ihm. Wie? Durch das Erdbeben.
Und das Ergebnis war, daß sich der Kerkermeister bei seinem Erwachen am Abgrund der Hölle wiederfand. Ich sage, daß er sich am Abgrund der Hölle wiederfand, weil er Selbstmord verüben wollte. Er wollte sich umbringen, jawohl, er wollte sich umbringen, Geliebte. Das heißt, daß er am Rand der Hölle stand. Er wußte nicht, was geschehen war. Er war verblüfft über das Erdbeben, war völlig konsterniert und verwirrt. Er dachte wohl, daß alle Gefangenen entflohen wären – aber sie waren es nicht. Auch das war ein Wunder, Geliebte: Das Erdbeben hatte die Fesseln der Gefangenen gelöst und die Türen des Gefängnisses geöffnet, und nicht ein Gefangener war entflohen! Kein einziger war entflohen. Wie erklärt ihr euch das? Christus! Christus, natürlich. Und der Kerkermeister sollte berufen werden. Und als er erwachte, dachte er, daß alle Gefangenen entflohen wären und so weiter und so fort … darum entschloß er sich zum Selbstmord! Das heißt, er wäre in die Hölle gestürzt! Deshalb sage ich, daß sich der Kerkermeister am Abgrund der Hölle wiederfand, als Christus ihn durch das Erdbeben aufweckte. Als Christus zu ihm sprach: »Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!«, war die erste Auswirkung, daß sich der Kerkermeister am Abgrund der Hölle wiederfand.
Das ist auch die Wirkung auf euch und auf mich, wenn Christus spricht: »Wache auf!« Das ist immer der Fall, auch bei euch und bei mir. Und vergeßt nicht: Dies war eine Berufung aus dem Heidentum! Wir sind nicht aus dem Heidentum berufen worden, oder? Nein, wir sind Kinder des Bundes. Und als geistlicher Samen des Bundes glauben wir. Wir haben Glauben. Christus hat seit unserer frühesten Kindheit zu uns gesprochen. Nicht durch ein Erdbeben, sondern durch ein viel mächtigeres Mittel: durch die Macht des Evangeliums während unserer ganzen Erziehung zu Hause, in der Schule, in der Katechese, in der Gemeinde. Durch die Predigt spricht Christus zu uns: »Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!« Ihr hört die Stimme Christi, nicht meine. Meine Stimme bewirkt gar nichts. Ich kann nicht so sprechen, ich kann kein Erdbeben in eurer Seele hervorrufen. Ich könnte befehlen, ich könnte reden, ich könnte sprechen, ich könnte vielleicht betteln, vielleicht auch weinen, ich könnte euch möglicherweise zur Bekehrung aufrufen und so weiter – ich tue es nicht, aber ich könnte – und es würde nichts helfen. Was ich sage, bewirkt gar nichts. Ich kann kein Erdbeben in eurer Seele hervorrufen. Aber Christus kann es! Und er tut es, jawohl. Hört ihr ihn? Nicht mich, sondern hört ihr ihn? Denn wenn wir ihn hören, dann sagen wir – nicht mit der gleichen Gewißheit wie der Kerkermeister, aber nichtsdestoweniger: »Ich liege am Abgrund der Hölle. Da gehöre ich hin, das ist meine Natur.« Und so war es auch beim Kerkermeister, Geliebte. Er wollte sich umbringen. Er wußte nicht, was geschehen war. Wir wissen es, aber er nicht. O nein, er wußte es ganz bestimmt nicht. Er war ein Heide. Und doch wirkte Christus in ihm.
Und dann, als ihn der Apostel mit den Worten zurückhielt: »Tu es nicht! Stürze dich nicht in die Hölle! Tu dir kein Leid an, stürze dich nicht in die Hölle!«, dann kehrte er um. Und dann hören wir den Ausruf des Kerkermeisters, den Ausruf: »Ihr Herren, was muß ich tun, daß ich errettet werde?« Das ist das zweite Zeichen dafür, daß das Erdbeben sein Herz erschüttert hatte. Versteht ihr das? Eben lag er noch am Abgrund der Hölle, war kurz davor, sich umzubringen. Dann wurde er aufgehalten: »Tu es nicht! Tu dir kein Leid an!« Und jetzt: »Ihr Herren, was muß ich tun, daß ich errettet werde?«
Was in aller Welt wußte der Kerkermeister von Errettung? Was wußte er davon? Hatte er Paulus und Silas predigen gehört? Ich glaube nicht. Das wäre mir neu. Vielleicht hatte er etwas im Zusammenhang mit der Anklage gegen Paulus und Silas gehört. Vielleicht hatte er gehört, wie jene Magd, die einen Wahrsagergeist hatte, in den Straßen Philippis herumschrie: »Diese Männer verkündigen euch den Weg des Heils!« Vielleicht war es so. Vielleicht hatte Gott die Magd sogar zu dem Zweck benutzt, dieses Wissen wenigstens dem Kerkermeister zu überbringen. Ansonsten wußte er nichts. Er meinte freilich nicht: »Wie kann ich mich aus dieser mißlichen Lage befreien?« Das meinte er nicht, o nein. Er meinte Errettung! Errettung, Geliebte, heißt in der Bibel immer dasselbe. Errettung heißt, vom größten Übel erlöst und des höchsten Gutes teilhaftig gemacht zu werden. Errettung heißt Befreiung von der Sünde, Befreiung von der Ungerechtigkeit, Befreiung von der Verderbtheit, Befreiung von der Macht der Verderbtheit, Befreiung vom Tod – kurzgesagt – Befreiung vom Tod. Der Tod ist das Übel schlechthin. Das größte Übel? Der Tod ist das Übel. Und Errettung heißt andererseits Übergang vom Tod zum Leben, von der Verderbtheit zur Heiligkeit, von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit, von der Finsternis zum Licht: das ist Errettung. Nun weiß ich nicht, was dem Kerkermeister davon bekannt war, ich nehme an, sehr wenig. Er wußte nicht viel. Aber Christus hatte das Wissen. Christus und der Geist Christi hatten das Wissen. Und der Geist Christi, der das Erdbeben in seiner Seele hervorgerufen hatte, ließ ihn ausrufen (nicht in diesen Worten, aber so würden wir es tun): »O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!«
Nun sage ich noch einmal, daß ihr nicht so berufen worden seid wie der Kerkermeister. Ich vermute, niemand unter allen meinen Zuhörern könnte auf die gleiche, wunderbare Weise wie der Kerkermeister berufen worden sein, der Kerkermeister, der ein Heide war und nichts von Errettung wußte. Nein, ihr seid nicht auf die gleiche Art und Weise wie er berufen worden. Und trotzdem, wenn Christus mit seinem Geist in euer Herz dringt, dann ruft ihr wie der Kerkermeister aus: »Was muß ich tun, daß ich errettet werde? Was muß ich tun, daß ich errettet werde? O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!« Das ist sicher. Ohne das gibt es keine Erlösung, soviel steht fest. Kinder des Bundes oder nicht: Wer nichts darüber weiß, wer nicht seine Knie vor Gott und Christus Jesus, unserem Herrn, beugen und ausrufen kann: »O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!« – nichts weiter als das – für den gibt es keine Erlösung. Das nämlich ist das zweite Element der Erlösung.
Und das dritte Element ist der Glaube. Glaube. Und der kam auch: »Glaube!« Glaube! O welch ein wunderbares Wort, Geliebte, welch ein wunderbares, wunderbares Wort, wenn Christus es spricht. Christus, nicht ich. Ich könnte zu euch sagen: »Glaubt! Glaubt! Glaubt an den Herrn Jesus Christus!« Das würde nichts helfen, würde absolut nichts helfen. Es ließe euch kalt, wenn ich so reden würde, hätte keine Wirkung, weder auf die Bösen noch auf die Gerechten, weder auf die Erwählten noch auf die Verworfenen, wenn ich so reden würde. Aber hier sprach Christus! Nicht Paulus oder Silas sprachen, sondern Christus sprach durch Paulus und Silas. Christus sprach zum Kerkermeister: »Glaube an mich, und du wirst errettet werden!« Durch die Predigt von Paulus und Silas sprach Christus. Und er spricht auch hier und heute.
Also glaubte der Kerkermeister. O ja, er glaubte. Sagte Paulus zu ihm: »Bruder, du mußt glauben«? War es das, was Paulus sagte? »Du mußt glauben«? O nein! Bettelte Paulus vielleicht: »Bitte komm zu Christus, bitte glaube!« O nein! O nein! Paulus sagte einfach: »Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden.« Also glaubte er. Warum? Weil Christus zu ihm gesprochen hatte. Und wenn Christus zu euch spricht – und das ist ein weiteres Zeichen dafür, daß das Erdbeben eure Seele durchdrungen hat, Geliebte –, dann sagt ihr nicht: »Ich muß glauben« oder »Ich bin errettet aufgrund meines Glaubens« – nein, ihr sagt: »Ich glaube.«
Was ist Glaube? Der Glaube an den Herrn Jesus Christus: das ist der einzige Glaube, den es gibt. Glaube an der Herrn Jesus Christus. Ihr könnt nicht mit wahrem Glauben an Gott glauben ohne Christus. Das geht nicht. Ihr könnt nicht auf Gott vertrauen ohne Christus. Gott ist ein schrecklicher Gott! Christus, der Herr Jesus Christus, ist Gott, o ja, er ist Gott. Ihr könnt euer Vertrauen nicht in einen Menschen stellen. Christus ist Gott, so wie Gott Gott ist. Ihr könnt euer Vertrauen niemals in einen Menschen stellen, ihr könnt niemals an einen Menschen glauben, nicht einmal an den Menschen Jesus Christus. Ihr glaubt an Gott. Aber Christus ist Gott, wie er sich selbst zum Heil offenbart hat. Das ist der Unterschied. Christus ist Gott, der leibhaftige Gott, der Fleisch wurde in der Krippe zu Bethlehem – Gott wurde Fleisch. Der dreiunddreißig Jahre unter uns wohnte – Gott wohnte unter uns. Gott, der zu uns sprach, von Angesicht zu Angesicht, in seinem Fleisch, der Worte ewigen Lebens sprach. Gott, der für uns starb – Gott starb, Geliebte, Gott starb am verfluchten Holz, im Fleisch Jesu Christi, unseres Herrn. Gott, der von den Toten auferstanden ist, den Sieg errungen hat und erhöht worden ist: Gott in Christus erhöht zur Rechten Gottes, Gott vom Gott, ja, Gott vom Gott unseres Heils. Er ist das Objekt unseres Glaubens. – Glaubt! Glaubt an den Herrn Jesus Christus!
Was ist Glaube? Wißt ihr, was Glaube an Christus ist? Glaube, Geliebte, ist in passiver Hinsicht die Kraft Gottes, durch die wir Jesus Christus eingeleibt sind. Das ist der passive Teil. Und in aktiver Hinsicht ist Glaube wiederum die Kraft Gottes, durch die unsere Seele, unser Geist, unser Herz Christus festhalten. Immer Christus. Das ist aktiver Glaube. Manche Leute reden gern von der Aktivität des Glaubens und meinen damit, daß wir etwas tun müßten. Ich kenne nur eine einzige Aktivität des Glaubens gemäß der Schrift, und das ist im wesentlichen die Aktivität, durch welche die Seele Jesus Christus festhält. Das ist die Aktivität des Glaubens. Der Rest ist Modernismus.
Wir brauchen Jesus Christus, Geliebte! Und um Jesus Christus zu haben, brauchen wir Glauben! Denn ohne Glauben können wir Christus nicht haben. Wie aber können wir Jesus Christus durch Glauben haben? Indem wir Bedingungen erfüllen? Indem wir etwas bewirken? Indem unsere Hände etwas tun? O Geliebte, wenn das der Fall ist, dann ist Christus uns sehr fern. Ich kann keine Bedingung erfüllen. Ich habe keine Hand, um ihn zu ergreifen. Nein, er muß mich zuerst ergreifen. Ich muß ihm eingeleibt werden. Das ist passiver Glaube. Und aktiver Glaube ist die Kraft, die aus dem passiven Glauben erwächst, die Kraft, durch die ich Christus so festhalte, daß ich alles aus ihm nehme und mir zu eigen mache. Christus ist die Fülle meiner Leere, Christus ist das Licht meiner Finsternis, Christus ist die Gerechtigkeit meiner Ungerechtigkeit, Christus ist das Leben meines Todes. So ist Christus. Die Fülle, die Fülle des Heils. Und ich bin ihm eingeleibt durch Glauben, welcher ein Geschenk Gottes ist, und halte ihn fest und hole mir alles aus ihm.
Glaube, Geliebte – und jetzt kommt eine einfache Illustration – ist wie die Stromleitung, die dieses Gebäude mit dem städtischen Kraftwerk verbindet. Die Leitung, die dieses Gebäude mit dem Kraftwerk verbindet, ist der Glaube. Durchtrennt die Leitung, und hier wäre alles dunkel. Kein Licht. Aber die Stromleitung, die dieses Gebäude mit dem Kraftwerk verbindet – und das Kraftwerk ist Christus, Geliebte –, macht, daß es hell wird! Ihr mögt sagen: »Ja, das ist soweit ganz richtig, aber ich muß den Lichtschalter anknipsen, anderenfalls bliebe es dunkel.« Nein, Geliebte, nein, nein, nein. Ihr betätigt nicht einmal den Lichtschalter. Der Heilige Geist flößt unseren Herzen die Kraft des Glaubens ein. Und der Heilige Geist kommt und predigt uns das Evangelium. Durch die Kraft des Glaubens kommt der Heilige Geist zu dem wiedergeborenen Herzen, Geliebte, und predigt ihm: »Glaube! Glaube an den Herrn Jesus Christus, und du wirst für immer errettet sein!« Denn selbst wenn die Kraft des Glaubens in meinem Herzen wäre und ich nur den Rest zu tun hätte, würde ich immer noch untätig sein. Aber, Geliebte, der Heilige Geist betätigt auch den Schalter. Wenn er den Schalter für das Licht des Glaubens in meinem Herzen betätigt hat, dann ist es hell! Dann ist es hell. Es ist reine Gnade. »Aus Gnade seid ihr errettet durch Glauben.« Aktiv, passiv, die Fähigkeit zu glauben, die Aktivität des Glaubens, das Festhalten an Christus: alles das geschieht aus Gnade, nichts aus dem Menschen! Und alles, was uns zu sagen übrigbleibt, Geliebte, und alles, was wir sagen – denn das will Gott von uns – ist: »Ich danke dir, Herr! Ich danke dir! Ich, der Sünder? Ein Sünder, nichtswürdig, verderbt, ohne irgend etwas in mir, ohne jede Kraft, ohne jeden Wert? O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig! Ich danke dir, Herr, daß ich an den Herrn Jesus Christus glauben darf!«
Nun? Müssen wir nicht irgend etwas tun? O Geliebte, nach alledem wollen wir nicht mehr von »müssen« reden! Nach alledem reden wir nicht mehr von »müssen«, oder? Wir sollten nicht mehr davon reden. Wenn Gott uns berufen hat, wenn Christus das Erdbeben in unseren Herzen hervorgerufen hat, wenn Christus uns an den Abgrund der Hölle gebracht und dann zurückgehalten hat, wenn Christus uns ausrufen lassen hat: »Was muß ich tun, daß ich errettet werde?«, und wenn Christus uns durch seinen Heiligen Geist den Glauben geschenkt hat, so daß wir in ihm frohlocken können – müssen wir dann noch irgend etwas tun? Müssen wir etwas tun? O nein, Geliebte, dann ist es nicht länger ein Müssen, sondern ein Vorrecht. Dann fragen wir nicht: »Was muß ich als nächstes tun?« Das ist nicht die Frucht eines Christen. Denn wir sind nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade. Wir sagen nicht: »Laßt uns in der Sünde verharren, damit die Gnade überströme!« – »Das sei ferne!«, rufen wir. Wir sagen nicht: »Wir müssen«, nein, sondern wir sagen: »O Herr, ich danke dir, daß ich dir danken darf. Ich danke dir, daß ich dich lieben darf. Ich danke dir, daß ich in meinem Heil frohlocken darf. Ich danke dir, daß ich die Brüder lieben und im Licht wandeln darf.«
Genau das tat der Kerkermeister. Wenn ihr nach Hause gekommen seid, dann lest ruhig den Rest des Kapitels durch. Er frohlockte. Er frohlockte in Gott und Christus, er frohlockte, daß er errettet worden war. Er frohlockte, Geliebte, und er liebte die Brüder. Er hatte auch keine Angst mehr, bangte nicht mehr um seine Arbeit, o nein. Er nahm Paulus und Silas zu sich und wusch ihnen die Wunden und gab ihnen zu essen und sorgte für sie, so gut er konnte. Bruderliebe! Wenn ihr Gott liebt, dann liebt ihr nicht jeden Menschen, o nein. Doch ihr liebt das Volk Gottes, und ihr zeigt allen die Liebe, die ihr für das Volk Gottes empfindet. Das ist die Wahrheit, Geliebte. Und so seid ihr das Licht, das zur Ehre Gottes in dieser Welt leuchtet. Das ist die Frucht der Errettung. Doch rühmt euch nicht dieser Frucht! Rühmt euch nicht, macht nicht den Fehler und sagt nachher: »Nun, letztendlich hat der Dominee heute abend gesagt, ich müßte doch etwas tun. Der Dominee hat gesagt, daß ich lieben müßte und daß ich die Brüder lieben müßte und daß ich Gott dienen müßte, sonst wäre etwas nicht in Ordnung.« Nein, Geliebte. Ich sage euch, ich tue selbst nicht sehr viel von alledem. Nein, ich tue nicht viel von alledem. Ich habe nur einen ganz geringen Anfang des neuen Gehorsams. Ich will euch heute nicht in dem Glauben fortschicken, daß ihr keine Christen seid, wenn ich nicht in vollkommenem Licht und vollkommener Liebe wandelt. O nein. Aber wie ich vor zwei Wochen sagte, ist der ein perfekter Christ, der bekennt: »Ich habe den Wunsch, den großen Wunsch, nach allen Geboten Gottes zu wandeln, aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet.« Und darum, Geliebte, bleibt am Ende nur das: Ihr wollt errettet werden? Errettet ohne Werke? Hört dann dieses Wort: Glaubt! Glaubt an den Herrn Jesus Christus! Nichts, nichts, absolut nichts anderes ist nötig.
Amen.